Halbwegs nach Amerika

HALBWEGS nach Amerika

Kaltstart. Wir schreiben den 10. August 2016, morgens 9.15 Uhr, und es hat gerade mal 12 °C. Ein eigenartiger Sommer ist das bislang, viel Regen, vielerorts ist die gesamte Erdbeer-Ernte ausgefallen. Immerhin, der Regen hat gerade aufgehört, doch dichte Wolken werden uns den ganzen Tag begleiten. In langen Radhosen und Trikots und mit Wollsocken haben wir auch noch nie eine Sommer-Tour gestartet. Wir beißen die Zähne zusammen (gegen das Klappern), dann treten wir mühsam in die Pedale. Hoffentlich ist es wenigstens in Spanien warm!

Von daheim nach Teneriffa – gut 3500 km liegen vor uns. Das ist immerhin fast die Hälfte der historische Zeppelin-Route nach Brasilien (Luftlinie Friedrichshafen-Recife = 7500 km) in den 30er-Jahren . Für uns hat diese Tour auch eine sehr persönliche Komponente: Auf den Kanaren haben wir schon viele tolle Winter-Urlaube verbracht, und die Strecke von daheim durch Frankreich und Spanien bis nach Gibraltar war 1993, also vor 23 Jahren, unsere erste "richtige" Fern-Radtour. Über die Route haben wir uns somit recht genaue Gedanken gemacht. Zurück zu den Wurzeln, einerseits, doch wir möchten auch ein paar Orte aufsuchen, die wir schon immer mal sehen wollten. Eine Mischung, die Vorfreude erzeugt!

Hemmingen – Pont-en-Royans / Vercors (780 km*)


Wie immer am Anfang durch das viele Gepäck etwas wackelig geht es zunächst auf altbekannter Strecke über Weissach, Flacht, Perouse, Heimsheim und das Würmtal nach Pforzheim. Dann weiter auf dem Enztal-Radweg – der liegt fast vor unserer Haustür, doch bisher sind wir ihn noch nie flussaufwärts geradelt. Spätestens ab Bad Wildbad wird die Sache recht fordernd, weil wir immer wieder von der Straße weg auf Forstwegen weit hinauf in die tiefen Wälder geleitet werden. Doch dabei stellen wir (nicht zum ersten Mal) fest, dass wir wahrlich in einem wunderschönen Landstrich leben. Als wir gegen 17.30 Uhr in unserem vorgebuchten Gasthof in Poppeltal nahe der Enzquelle eintreffen, wissen wir, was wir geschafft haben. Fast schlafen wir über den köstlichen gerösteten Maultaschen mit Salatplatte und dem guten Spätburgunder ein. Wir können uns gerade noch auf unser Zimmer schleppen.

Nachts muss es nochmal kräftig geregnet haben. Auf jeden Fall ist alles nass, als wir beim Frühstück aus dem Fenster blicken, und wie wir aus dem Radio erfahren lag die Tiefsttemperatur bei gerade mal 5 °C. Also, wieder lange Klamotten und Wollsocken, dann geht es mit ordentlicher Steigung nach Besenfeld hinauf. Gut so, jetzt wird es uns wenigstens ein bisschen warm:-) Ein kurzes Stück radeln wir auf der B 294 dahin, dann über gute, aber natürlich wieder kräftig hügelige Waldwege weiter nach Freudenstadt. Wir sind jetzt auf dem Mittelweg des Schwarzwaldvereins, einem der berühmten Schwarzwald-Fernwanderwege, wie wir aus der Beschilderung erfahren. Ein paar Rucksackler blicken uns verwundert nach, als wir auf unseren Stahlrössern vorbei reiten.


Hinter Freudenstadt bringt uns eine schöne Abfahrt über Bad Rippoldsau nach Wolfach ins Kinzigtal hinab. Auf dem Kinzig-Radweg herrscht reger Verkehr von (vorwiegend) E-Bikern, die lässig am Gasgriff ziehen und hoch erhobenen Hauptes vorbeiziehen. Als wir aber in Haslach ins Hofstetter Tal abbiegen und die steile Steige zum guten alten Biereck ansteuern, da sind wir plötzlich wieder ganz alleine. 350 Höhenmeter auf 4 km – das ist wohl selbst den Elektro-Kollegen zu viel. Doch wir gehen es an, auch wenn es recht anstrengend ist mit unserem ganzen Geraffel. Man wird halt auch nicht jünger.

Das Biereck ist einer ebendieser Orte, wo wir unbedingt mal wieder hin wollten. Ein weltentrückter, traumhaft schöner Platz auf seiner Schwarzwaldhöhe, früher ein fast ständig ausgebuchter Gasthof, und heute – stillgelegt. Das schöne Haus wurde kurz vor der Insolvenz an einen Investor verkauft; es soll zwar als Gasthaus erhalten bleiben, doch künftig in erster Linie für gewerbliche Schulungen genützt werden. Ein Erweiterungsbau ist auch geplant, wie wir zwischenzeitlich erfahren haben.

Wehmütig denken wir zurück an einen traumhaften Aufenthalt hier anno 2006 – damals konnten wir noch vom rustikalen Holzbalkon aus beobachten, wie sich Fuchs und Rehlein "Gute Nacht" sagten. Tempi passati – sei's drum! Wir rollen also hinab nach Biederbach und checken ein im Gasthaus Hirschen. Die (fast) perfekte Entschädigung, denn das geniale Rahmschnitzel mit den letzten handgeschabten Spätzle für die nächsten Wochen, serviert in der super-gemütlichen Gaststube, ist sicher das beste Essen unserer ganzen Reise bis mindestens Toledo:-) Ach ja, der Schwarzwald.

Am nächsten Morgen starten wir nochmals bei ziemlich frischen Temperaturen – das letzte Mal für lange Zeit. Wir wissen es noch nicht, doch ab sofort wird es jetzt richtig Sommer:-) Schon auf dem Elztal-Radweg erleben die Kurzarm-Trikots ihren ersten Einsatz, am nächsten Tag sogar die kurzen Hosen. Wir passieren die steilen Rebhänge des Kaiserstuhls, radeln auf winkeligen Landwirtschaftswegen an Breisach vorbei, dann wird der Rhein mit seinen Altrheinarmen auf einer Sequenz von Brücken überquert.

Der erste echte Meilenstein unserer Tour! Das feiern wir drüben in Neuf-Brisach im Straßencafé. Das angenehm verschlafene Städtchen, nebenbei das östlichste Werk von Louis XIV's genialem Festungs-Baumeister Vauban, ist immer einen Stopp wert! Dann weiter durch die Rheinauen und durch die sympathische Stadt Colmar nach Turckheim.

Turckheim ist sicher unser Lieblingsort im Elsaß und das nächste "Must-See again" auf dieser Tour. Der nette Camping Municipal ist immer noch wie früher, fast wie aus der Zeit gefallen. Hier wird jetzt nach langer Zeit mal wieder gezeltet, für gerade mal 13 Euro. Meister Adebar samt Familie linst derweil aus den zahlreichen Nestern mit wachem Blick herunter, ob nicht was für ihn abfällt. Wir wissen aus Erfahrung, die sind imstande und klauen dir das Fleisch vom Grill! "Des moge sehr gern Fleisch – Frosch oder Steak, egal!" sagte die frühere Camping-Chefin vor Jahren lachend.

Wir jedoch ziehen heute eine guten Flammkuchen vor, serviert mit einer Karaffe Riesling und mit Blick aufs Plätzlein vor dem Stadttor. Fast auf jedem höheren Dach hier hat es noch ein gut besetztes Storchennest. Und um 22.00 Uhr macht der historische Nachtwächter seine Runde und wünscht mit sonorem Singsang eine "Guedi Nocht". Ist einfach immer wieder schön hier!


Früh radle ich am nächsten Morgen ins Städtchen, gute Croissants fürs Frühstück kaufen. Sie sind noch warm, dazu Himbeermarmelade Marke "Bonne Maman" – ein Gedicht:-) Dann geht es auf der uns wohlbekannten Landstraße D 10 nach Munster und weiter auf der D 417 hinauf zum Col de la Schlucht. Eine wichtige Fernstraße, ziemlich verkehrsreich, aber gut ausgebaut und mit sehr angenehmem Steigungsverlauf – für uns und unsere Schwerlaster also gerade recht.

Um halb Eins sind wir oben am Pass. Für uns einer der historisch interessantesten Punkte der Vogesen – hier war früher eine Grenzstation, denn von 1871 bis 1914 verlief die deutsch-französische Grenze über den Vogesen-Hauptkamm. Später war "Schlucht" ein gut besuchter Luftkurort, eine Sommerfrische, im Winter Skigebiet. Jetzt ist hier alles verratzt, die altehrwürdigen Hotels sind geschlossen. Kaum einer weiß heute noch, dass damals sogar eine elektrische Zahnrad-Straßenbahn hier herauf kroch, der dann leider der Weltkrieg den Garaus machte. Es gab eine Linie von Munster her und eine von Gérardmer, die sogar noch auf den benachbarten Aussichtsberg Hohneck weiter fuhr.


Wir lassen uns ein Bier und einen Espresso im alten Zahnradbahnhof schmecken, der als einziges Gebäude hier oben noch intakt ist und eine nette Kneipe beherbergt. Dann geht es weiter über La Bresse, Le Thillot und über den auch nochmal recht fordernden Col de Croix ins Tal des Oignon hinab. Unsere bislang härteste Etappe, wir durchqueren fast das ganze Department Vosges – 105 km stehen am Abend zu Buche, als wir in Lure (Hte. Saône) eintreffen.

Camping gibt's nicht, das Hotelzimmer ist nix Besonderes, aber das Abendessen auf der luftigen Terrasse (Salat mit Chèvre Chaud, Fettuccini mit Speck und Pilzen in Sahnesauce, dazu ein kühler Rosé) hätte mal wieder drei Sterne verdient. Zum Nachtisch noch eine Crème Brulée. Wie heißt es doch: Leben wie Gott in Frankreich:-)

So langsam kommen wir in den Französischen Jura. Der ist de facto ein Gebirge – entsprechend schweißtreibend ist ab sofort die Strecke mit viel Auf und Ab. Dazu ist es jetzt wirklich so richtig warm bis heiß, und das bleibt so mit nur wenigen Unterbrechungen bis weit hinein nach Spanien. Das heißt, die Langarm-Trikots können jetzt ganz unten in den Packtaschen verschwinden; gottseidank! Nun ist der Sunblocker gefragt.


Bei Baume les Dames erreichen wir das Tal des Doubs. Der schlängelt sich romantisch über 450 km durch die ganze Franche-Comté, gesäumt von Wäldern und Kalkfelsen, die uns gleich an die Schwäbische Alb erinnern. Streckenweise ist der Doubs auch ein Teil des Canal du Rhône au Rhin und damit Teil des historischen Kanalsystems, das in seinen Anfängen schon unter dem Sonnenkönig entstanden war. Und an seinem Ufer verläuft, oft unter schattigen Bäumen, einer der wohl schönsten Radwege Europas. Der gehört zur Eurovelo-Route 6 vom Schwarzen Meer bis zum Atlantik, und damit ist der Doubs auch heute noch eine wichtige Verkehrslinie, nachdem er für moderne Frachtschiffe längst zu schmal geworden ist. Freizeit-Kapitäne jedoch gibt es jede Menge, die meisten mit sehr hübschen Hausbooten. Sicher auch eine tolle Form von Urlaub, so eine gemütliche Rundfahrt auf Frankreichs Wasserstraßen! Wir stoppen fast an jeder der historischen Schleusen, die oft von den Skippern selbst bedient werden müssen, machen eine Menge Fotos und sind somit erst gegen 17.00 Uhr in Besançon.

In Besançon waren wir noch nie – das ist jetzt einer dieser Orte, wo schon immer mal hin wollten. Früher, in unseren prä-velophilen Zeiten, sind wir öfter auf der Autobahn daran vorbeigedonnert, für spätere Radtouren hat es nie gepasst. Wir merken gleich – da haben wir was versäumt! Eine Stadt der Künste und Geschichte, UNESCO-Weltkulturerbe, die "erste grüne Stadt Frankreichs" mit wunderbaren Gärten und Parks, Promenaden und Boulevards. In Besançon wurde Victor Hugo geboren, das Museum der schönen Künste hier ist gut hundert Jahre älter als der Louvre in Paris, und dazu war die Stadt Jahrhunderte lang ein wichtiges Zentrum der Uhrenindustrie. Unmöglich, das alles an einem einzigen Abend zu würdigen, hier müssen wir wirklich nochmal her! Wir steigen aber auf jeden Fall zur historischen Zitadelle hinauf, die (neben der in Briançon in den Alpen) als eines der Meisterwerke von Vauban gilt.


Von oben schweift der Blick weit über das Umland und über das Tal des Doubs, der einen perfekten Bogen um die Altstadt beschreibt. Und am Abend wird natürlich auf der Place Granvelle sehr gut gegessen. Nicht umsonst ist die Franche-Comté berühmt für ihre erstklassige Charcuterie, köstliche Käsesorten und die Tarte au Comté. Wir bleiben wie immer noch lange sitzen.

Am nächsten Morgen drehen wir noch eine Ehrenrunde über die Uferpromenaden, die Quais, und durch den verträumten Parque Chamars, dann nimmt uns der wunderbare Doubs-Radweg wieder auf. Der Schiffskanal läuft hier streckenweise parallel, bis er bei Boussières in einem lustigen Tunnel verschwindet, der wie eine Autowaschanlage mit einem Sprühkranz-Portal versehen ist. Leider kommt gerade kein Hausboot – das hätten wir jetzt gerne gesehen, wie die gesamte Besatzung unter Deck verschwindet, während der Steuermann mit zusammengebissenen Zähnen die volle Dusche abkriegt:-)

Jetzt heißt es leider Abschied nehmen vom Doubs. Nahebei liegt nämlich Arc-et-Senans – der zweite Ort in der Franche-Comté, der auf früheren Touren immer durch den Rost gefallen war. Wir strampeln also hinauf auf das Plateau, wo es inmitten ausgedehnter Wälder die Saline des Königs Louis XV zu entdecken gibt – eines der weltweit ersten Beispiele künstlerisch geplanter Fabrikarchitektur. Die als Halbkreis angelegte, symmetrisch ausgerichtete Anlage mit ihren Säulenbauten war etwas völlig Neues in der Zeit des Absolutismus.


Es gab Arbeiterwohnungen, Werkstätten, Stallungen, prächtige Gärten, eine Behörde zur Erhebung der Salzsteuer und gut besetzte Wachgebäude, um den Salzklau zu verhindern – wohl notwendig in einer Zeit, als dieses Gewürz mit Gold aufgewogen wurde. Die Sole musste aufwendig mittels langer Rohrleitungen (aus Holz!) hier herauf transportiert werden, aber hier gab es eben Wald und somit genügend Brennstoff, um die riesigen Siedepfannen zu befeuern. Ein faszinierender Ort – mehr dazu hier.

Am nächsten Morgen überqueren wir das Flüsschen Loue, dann geht es weiter durch die schöne, aber fordernde Landschaft des Jura. Gegen Mittag bringt uns ein langer Anstieg durch den Cirque du Fer à Cheval auf die Hochfläche hinauf, und jetzt meinen wir wirklich fast, einen der heimischen Albaufstiege unter den Reifen zu haben, die Honauer Steige etwa oder die Ulmer Steige bei Bad Urach. Auch oben geht es recht hügelig weiter, bis sich dann endlich hinter Montrond die Straße ins Tal des Ain hinabzieht, der zur Rhône fließt. Wir überqueren ihn in Pont-du-Navoy, und damit liegt der Jura (fast) hinter uns – eine weitere Etappe ist geschafft.

Ein Abstecher zu den Cascades du Hérisson muss aber noch sein – die Wasserfälle werden garantiert in jedem Jura-Prospekt erwähnt. Also stellen wir auf dem Camping Relais d'Eventail unser Zelt auf; von dort kann man an den Kaskaden hinaufwandern. Das wird heute unser Abendprogramm – wobei wir aber feststellen müssen, dass jetzt im Sommer fast kein Wasser im Bach ist; das Wasserfall-Erlebnis hält sich somit in Grenzen (links in dem kleinen Bild, wie das normalerweise aussehen sollte).

Dafür können wir auf dem netten Camping Wein, Wasser und ein Baguette erwerben, und dazu gibt's unsere mitgebrachte Gulaschsuppe. Den Umständen entsprechend ein Festmahl! Im Wald hört man die Eulen rufen – ein sehr netter und friedlicher Naturabend; wir fühlen uns fast wie auf einer Insel abseits jeglicher Zivilisation. Nachts wird es trotz Tageshitze ganz schön frisch.

Der Ain führt uns dann ins Rhônetal hinab. Hört sich einfach an, doch in den Ain-Schluchten ist noch so mancher Gegenanstieg zu bezwingen. Die tolle Landschaft entschädigt für die Mühen! An der Rhône entlang gibt es dann doch tatsächlich seit Langem mal wieder einen Radweg, und hier kommen wir im flachen Terrain jetzt mal wieder recht gut voran. Mit uns ganze Legionen von Tourenradlern – kaum zu glauben, was so ein Fluss-Radweg doch gleich ausmacht! In den Bergen triffst du fast keinen, abgesehen von ein paar einheimischen MTB- und Rennradfahrern. Wir sind froh, als wir dieser Massen-Leitlinie wieder entfliehen und uns in die Ausläufer der Dauphiné absetzen können. Zwar stellen sich ein paar ordentliche Côtes quer, wie man die Hügelketten in dieser Region nennt, doch irgendwann geht es ordentlich bergab. Wir überqueren die Isère auf einer engen Brücke, und schon lange vorher sehen wir auf der gegenüberliegenden Talseite die schroffen Hänge des Vercors aufragen.

Der Vercors ist wohl unsere Lieblingsecke in Frankreich. Nüchtern betrachtet ist er ein Gebirgsstock der Voralpen zwischen Valence und Grenoble bzw. das Dreieck zwischen den Flüssen Isère, Drac und Drôme. Doch was diese Region so einzigartig macht ist ihre Unzugänglichkeit, die lange kaum den Bau von Straßen ermöglichte. Erst mittels ein paar spektakulärer Schluchtenstraßen konnte der Vercors ab dem 19. Jahrhundert für den Verkehr, damals also für Postkutschen und Fuhrwerke, erschlossen werden. Gorges de la Bourne, Grands Goulets, Combe Laval – das sind Straßen, die jedem Bergfahrer bei bloßer Namensnennung ein Leuchten in die Augen zaubern. Hier müssen wir einfach einen Ruhetag einlegen für eine Tages-Rundtour – ein Unruhetag also eher:-) Dazu haben wir für zwei Nächte ein Zimmer in Choranche gebucht.

Mit den Schluchtenstrecken ist das so eine Sache; man muss Glück haben, dass sie überhaupt offen sind. So hätten wir Choranche gern von oben her durch die Gorges du Nan angesteuert – gesperrt für das nächste halbe Jahr, wegen Sprengarbeiten. Noch nie bei unseren jetzt doch recht zahlreichen Aufenthalten hier konnten wir die Gorges du Nan beradeln, entweder wegen Sperrung oder wegen schlechtem Wetter. Wir nehmen also den "Normal-Eingang West" zum Vercors über Pont-en-Royans. Auch keine schlechte Wahl – der kleine Ort, dessen Häuser wie Schwalbennester über der Bourne hängen, fasziniert wohl jeden. Das Niveau der Grande Rue verläuft rund zwanzig Meter über dem Fluss; manche Häuser betritt man im Dachgeschoss, dann kann man bis zu sechs Stockwerke hinabsteigen.

Nach Choranche ist es dann nur noch ein Katzensprung. Unser kleines Hôtel Le Jorjane erweist sich als guter Griff – bei Georges, Marie und ihren Töchtern haben wir es gut. Wir lassen den Tag auf der Terrasse mit einem super Essen ausklingen (Schweinehals mit Ratatouille, Ravioli mit gemischten Waldpilzen) und bleiben wie immer noch lange sitzen.


Unsere Rundtour führt uns dann hinein in die Gorges de la Bourne und damit tief in die Eingeweide eines Gebirges, das von Pont aus gesehen, immerhin gut 1500 Meter Höhenunterschied aufweist. Die Straße verläuft oft wie ein Sims an der Wand entlang. Mehrere hundert Meter tiefer hört man die Bourne rauschen, fast wie einen Wasserfall. Lieber nicht über die niedrige Brüstung schauen, allzu schwindelanfällig darf man beim Radeln im Vercors nicht sein! Felsüberhänge und Tunnel – allein die Idee, hier eine Straße anzulegen, erscheint als der schiere Wahnsinn und war in der damaligen Zeit auf jeden Fall eine herausragende Ingenieursleistung.


Für die Rückfahrt wählen wir die vermutlich tollste Straße, die der Vercors zu bieten hat: die Route des Grands Goulets. Doch leider muss man sagen: zu bieten hatte – diese Himmelsleiter über dem Tal des Flüsschens Vernaison wurde leider an ihrer schönsten Stelle durch einen Tunnel entschärft, nachdem Steinschlag die Fahrbahn mehrfach ein paar hundert Meter in die Tiefe gerissen und manchmal jahrelange (!) Sperrungen nötig gemacht hatte. Die alte Straße ist von oben und unten durch ein fettes Gitter versperrt. Doch vom alten Hotel in Les Barraques aus kann man noch auf einem verwachsenen Pfad ein wenig oberhalb der Schlucht entlang spazieren. Die historische Bergfahrer-Ikone tief drunten wirkt immer noch gepflegt und intakt, kein Steinchen liegt darauf, nur ein paar Blätter. Fast, als würde dort alle paar Tage Kehrwoche gemacht. Hier ein kleiner Eindruck, wie es mal war.

Der neue Tunnel ist beleuchtet, hat einen Seitenstreifen, sichere Sache, und der verbleibende Rest der Goulets-Straße (durch die Petits Goulets) ist immer noch beeindruckend – doch der neue Bypass legt es nahe, den Vercors möglichst bald einmal per pedales zu entdecken, bevor noch weitere atemberaubende Schluchtenstrecken Geschichte sind. Die spektakuläre Simsstraße an der Route des Ecouges ist auch bereits gesperrt.

In einer so unwegsamen, daher auch immer sehr armen Region wie dem Vercors leben natürlich auch recht kernige Typen. Der zahnlose Bäcker in Choranche etwa. Wir fragen ihn, wann es morgen frisches Brot gebe: "Keine Ahnung – kommt drauf an, wann ich aufwache!" Oder Claude Ruiu, der einstige Camping-Chef. Der war früher Sänger in einer Popgruppe, später lebte er einfach, aber gemütlich von dem was er als Platzwart und im Herbst bei der Nussernte verdiente. Wir erinnern uns noch, einmal war das einzige Sitzklo verstopft. Pas d'Problème – Claude nagelte einfach die Türe zu. Von solchen Kleinigkeiten kann man sich aber auch wirklich nicht beim Pétanque-Spielen stören lassen:-)

Und Georges, unser Wirt, Motorradfan, der seine schwarze Bandana wohl noch nicht mal nachts ablegt, hat mit seinem nie ganz ausgelasteten Hotel sicher auch kein einfaches Leben. Alles hier ist recycelt oder selbst gemacht. Georges macht die sicher beste Aprikosenmarmelade, die wir je gegessen haben, und der Tresen sowie die Wandvertäfelung bestehen aus alten, aber stilvollen Champagnerkisten. Es sind nicht zuletzt die Menschen hier, die den Vercors so sympathisch machen.

Pont-en-Royans – Andorra La Vella (750 km*)

Doch irgendwann muss es weiter gehen – über Pont und St. Nazaire (mit seinem tollen begehbaren Aquädukt!) und Bourg de Péage radeln wir zum zweiten Mal ins Rhônetal hinab. Ringsum an den Hängen wächst der gute Côtes du Rhône, den wir fast jeden Abend trinken. Gegen Mittag sind wir in Tain l'Hermitage, dann geht es auf der alten, uns wohlbekannten Radler- und Fußgängerbrücke über den großen Fluss, wobei der Mistral kräftig von der Seite bläst. Der ist dann aber auf der Strecke nach Lamastre unser Freund – wir kommen gut vorwärts, obwohl es jetzt so langsam ins nächste Gebirge hinein geht, diesmal ins Zentralmassiv. In Lamastre, hinter dessen kleinem Bahnhof etliche Eisenbahn-Oldtimer romantisch vor sich hin gammeln, quartieren wir uns auf dem netten Camping Retourtour ein. Abends wird mal wieder selbst gekocht: Linsen mit Saitenwurst (das braucht der Schwabe dann und wann), dazu gibt's ein frisches Baguette und natürlich eine Flasche Côtes du Rhône:-)


Jetzt steht eine beinharte Etappe an. Zunächst geht es noch mit gemächlichen 5-7% über den Col de Nonières und hinab nach Le Chelyard, doch am Nachmittag beginnt dann in St. Martin-de-Valamas die gnadenlose Steigung hinauf zum Gerbier de Jonc. Gut 1400 Höhenmeter werden wir dort erreicht haben, bei 20 km Daueranstieg. In Arcens kommen wir an einer Mineralwasser-Abfüllung vorbei; der nette Betriebsleiter schenkt uns zwei volle Wasserflaschen, und die können wir auch sehr gut brauchen. Genau wie die guten Pfirsiche, die wir in St. Martial bei einer netten Oma in der uralten Epicerie erstehen.

Fast 18.00 Uhr ist es dann, bis wir, aus dem letzten Loch pfeifend, endlich oben sind. Hier am Mont Gerbier de Jonc entspringt die Loire – die Quelle finden wir in einer kleinen Steinhütte; ein kräftig sprudelnder Brunnen. Wir nehmen einen so kräftigen Schluck, dass sie das flussabwärts in St. Nazaire bestimmt kurz am sinkenden Wasserstand gemerkt haben:-)


Dann geht es hinab nach Ste. Eulalie, das auch noch auf fast 1300 m liegt. Hier ist absolut der Hund begraben. Wir stellen unsere Hütte auf dem kleinen Camping Municipal auf und können im Mini-Dorfladen gerade noch vor Torschluss alles für ein kräftiges, wenngleich unkonventionelles Abendessen erstehen (Ravioli, Grana Padano, Kraut-Möhren-Salat, eine Flasche Cabernet Sauvignon und Schokoladenkekse). Wenigstens nicht verhungert! Dann spannt sich ein großartiger Sternenhimmel über das Zentralmassiv und über unser kleines Zelt. In der Nacht wird es sakrisch kalt.

Dann geht es entlang der jungen Loire durch einsame Wälder und Weideländer; sehr hügelig – alles andere hätte uns im Zentralmassiv auch ehrlich gewundert. Auf einem Vorfahrtsschild wird vor Wölfen gewarnt – das passt in diese abgelegene Ecke. Am Nachmittag nehmen wir dann trotz kräftigem Verkehr die N 88 – wir müssen einfach mal vorwärts kommen! Viele Hügel und langsam auch wieder die Hitze machen uns auch hier zu schaffen, doch jetzt flutscht es, und nach dem Col de la Pierre Plantée (1264 m) gibt es endlich eine rauschende Abfahrt nach Mende. Fast 100 km haben wir mal wieder auf der Uhr, und das in diesem Gelände. Doch das Hotelzimmer ist gut, das Abendessen auch, und dann schlafen wir wie die Steine.

Jetzt nähern wir uns so langsam einem weiteren Highlight, das wir schon immer mal unter die Reifen nehmen wollten – die Gorges du Tarn. Die gelten als eine der schönsten Schluchten Frankreichs, und bisher kennen wir sie nur per Stippvisite vom Auto aus. Vorher aber müssen wir ab Mende erst mal ein Stück am Flüsschen Lot entlang radeln und dann noch hinauf auf die fast 1000 m hoch gelegene Causse de Sauveterre pumpen.

Eine harte Sache, dieser Anstieg, und oben geht es natürlich immer noch hügelig weiter. Die Causses sind karge Hochflächen im Kalkgebirge, und einmal mehr meinen wir, auf der heimischen Alb zu sein beim Anblick mit Steinen durchsetzter Felder, Wiesen, Dolinen und Wachholderheiden. Dazu bläst ein kräftiger Gegenwind. Doch kurz vor Mittag tut sich dann ein wahrer Schlund vor uns auf – drunten, 500 m tiefer, sehen wir klein wie ein Modelleisenbahn-Dörfchen Sainte-Enimie liegen, das wie von einem silbernen Band vom Tarn durchzogen wird. Die Traum-Abfahrt dort hinunter und ein kräftiges Vesper haben wir uns jetzt echt verdient:-)

Die folgenden 50 km bis Millau sind jetzt so ziemlich was vom Schönsten unserer gesamten Frankreich-Durchquerung. Kurvig und schmal verläuft die D 907 zwischen steilen Felswänden, durch ein gutes Dutzend Tunnels und von einem Aussichtspunkt zum nächsten. Der gemächlich dahin fließende Tarn bringt eine leichte Brise in die Tageshitze; oft machen wir eine kleine Pause, schauen den Kanufahrern zu und den Kletterern. Rund 700 Kletterrouten soll es hier geben, viele davon mit Überhang und mit den höchsten Schwierigkeitsgraden. Auch ein paar verträumte Dörfchen sind zu sehen mit historischen Brücken, steilen Stichstraßen und manchmal gekrönt von einer interessant aussehenden Burgruine. Ach, Frankreich hat sooo schöne Ecken.


Als wir endlich in Millau eintreffen ist es schon fast 19.00 Uhr. Von Weitem sehen wir sogar noch den Viaduc de Millau das Tal überspannen. Den wollten wir auch schon immer sehen, seit er 2004 als höchste und längste Multi- Schrägseilbrücke der Welt eingeweiht wurde. Doch erstmal wartet ein gemütlicher Abendbummel durch Millaus hübsche Altstadtgässchen und eine Super-Pizza im Straßenrestaurant. Dann pennen wir noch vor dem Nachtisch am Tisch ein. Radfahren und gutes Essen – eine geniale Kombination:-)

Der Viadukt von Millau ist in jeder Hinsicht eine Ausnahme-Konstruktion. Es heißt, er ziehe heute mehr Schaulustige an als die ganzen Gorges du Tarn – das können wir durchaus glauben, als wir am nächsten Morgen auf anstrengender Steigung unter diesem 2,5-km-Wahnsinnsteil hindurch hecheln. Der höchste seiner sieben Pfeiler ist um einiges höher als der Eiffelturm – statt vieler Worte: Klick. Ein gutes Beispiel mal wieder, wie ein Straßenbauwerk durch seine Ästhetik die Landschaft verschönern kann anstatt ein Störfaktor zu sein. Zum Glück hat unsere Kamera eine große Speicherkarte.


Weiter geht es, bergauf, bergab – Frankreichs Topografie gleicht einem zerknüllten Tischtuch. Doch die gemischte Landwurst-Platte, der köstliche Tomme de Montagne, ein riesiges Baguette und das kühle Bier (mittlerweile unser Standard-Mittagsvesper), danach noch ein größerer Posten Obst und Kekse bringen die verbrauchte Energie stets zuverlässig zurück. Und wir sind sogar beinahe froh über die Berge und Hügel, sonst wird das noch unsere erste Fern-Radtour, von der wir mit ein paar Kilos mehr auf den Rippen zurückkommen:-)

So gehen wir am Nachmittag mit rundem Tritt ab Belmont-sur-Rance eine lange anhaltende Steigung an, die uns nochmal auf 1000 m hinauf bringt. Das sind hier immer noch die Ausläufer des Zentralmassivs, das mit seinen 85.000 km² wahrlich riesige Ausmaße hat. Kurz vor der Passhöhe sagt uns dann ein Schild, dass wir jetzt im Parc Régional du Haut Langedoc zugange und damit so langsam wirklich im Süden angekommen sind – allerdings noch Welten entfernt von den Top-Touristenzielen, die man sonst unwillkürlich mit Languedoc-Rousillon verbindet.

Lacaune, unser Etappenziel, immer noch auf 800 m gelegen, wirkt wie aus der Zeit gefallen. Das Hôtel Claude Calas ist etwas abgewetzt (so wie das ganze Städtchen), und das Zimmer kostet keine 40 Euro. Die Räder dürfen wir im Bankettsaal abstellen, dann serviert man uns ein feines Menu (Kalbskotelett mit Pilzen, Salat und einem perfekten Kartoffelgratin). Dazu nehmen wir heute einen Côtes du Languedoc (die Rhône liegt ja jetzt wirklich schon eine Weile hinter uns), danach eine geniale Crème brulée. Nachts zerzaust ein stürmischer Wind die Baumkronen vor dem Haus; die kühle Luft tut unheimlich gut nach der Hitze in den Tälern. Wir könnten ewig so weiter radeln.

Langsam müssen wir aber wirklich sehen, dass wir Land gewinnen, denn Spanien ist ja auch nicht arm an Highlights, wie wir wissen. Wir beschließen also, die Montagne Noire auszulassen und die Pyrenäen über eine ebene, wesentlich schnellere Strecke anzusteuern. So geht es über Castres, Revel und Castelnaudary zum Canal du Midi – mal wieder eine Landmarke, die wir von unserer einstigen Gibraltar-Tour in bester Erinnerung haben.

Doch jetzt müssen wir zum ersten Mal feststellen, dass die Erinnerung doch auch wesentlich besser sein kann als die heutige Realität: Die über 300 Jahre alten Platanen sind leider von der Massaria-Krankheit befallen und sehen sehr krank aus, und der Treidelpfad hier ist eine schlechte Sandpiste. Wir nehmen also die Landstraße und geben Gas, gleich ganz bis Carcassonne.

Carcassonne – was soll man über diese Stadt sagen? Von der Brücke unten ist die Cité, die alte Katharer-Festung auf ihrem Hügel über der Aude, ein imposanter Anblick. Wir haben dasselbe Hotel gebucht wie bei unserer letzten Tour, nur wenige Schritte von der Cité entfernt, und natürlich gibt es gleich einen ausgiebigen Abend-Rundgang durch das berühmte UNESCO-Weltkulturerbe. Doch der Touristenrummel ist so brutal mittlerweile, dass uns der Mund vor Staunen offen bleibt. Ob es daran liegt, dass etliche einst beliebte Reiseziele wie Tunesien, die Türkei oder auch Teile Griechenlands anlässlich der Ereignisse 2015-16 off the beaten Path geraten sind? Wir haben den Eindruck, halb Europa und ganz Ostasien haben sich die Top-Ziele Südfrankreichs als diesjährige Spielwiese erkoren und drängen sich genau heute durch die engen Gassen der Cité von Carcassonne. Ein paar Bilder sagen mehr.


Nur mit viel Mühe gelingt es uns dann, weit entfernt von der früher so gemütlichen Place du Château in der hintersten Ecke ein kleines Tischlein zu ergattern, an dem uns im Eilverfahren ein mäßiges Cassoulet serviert wird, zu dem wir jedes Baguette-Scheibchen einzeln bestellen müssen, und wo das kleine Krüglein Tischwein so viel kostet wie im Vercors eine ganze Flasche. Sehnsüchtig denken wir zurück an so sympathische Orte wie Turckheim, Pont-en-Royans, Millau oder Lacaune. Vielleicht ist es subjektiv, aber für uns gilt: Carcassonne – abgehakt. Nur die schönen Fotos von der wunderbar angestrahlten Stadtmauer versöhnen noch ein bisschen, als wir den Heimweg antreten.

Am nächsten Morgen starten wir früh, denn jetzt warten die Pyrenäen und damit das einzige echte Hochgebirge auf unserer Tour. Doch im weiten Tal der Aude ist die Steigung zunächst noch recht mäßig, dafür der Verkehr auf der D 118 ziemlich dicht. So radeln wir recht zügig durch Limoux und Couiza, ein Stück gemeinsam mit Harm und Alex, zwei Studenten aus Magdeburg. Die beiden wollen nach Lissabon – das hatten wir ursprünglich auch mal angedacht. Ob wir aber bei unserem ausgedehnten Programm so weit kommen ist gerade eher fraglich. Egal, die Besichtigungen und ein bisschen Nostalgie müssen einfach sein:-)

Ab Quillan sind sie wieder voll da, die Déjà-Vu-Erlebnisse – jetzt beginnen die Aude-Schluchten hinauf zum Col de la Quillane. Im Defilé du Pierre-Cys treten die Felsen erstmals eng zusammen, wir radeln am netten Bären-Denkmal vorbei und passieren das Städtchen Axat, die letzte Einkaufsmöglichkeit für 40 anstrengende Kilometer. Die Steigung zieht langsam an, es folgen die großartigen Gorges du St. Georges, die denen im Vercors kaum nachstehen.

Genau so sind wir damals, anno '93, auch geradelt. Nichts scheint sich geändert zu haben in dieser urwüchsigen, dünn besiedelten Ecke. Auch Usson und Escoulubre-les-Bains, die beiden fast verfallenen Badeorte aus der Belle Epoque, sind uns noch in lebhafter Erinnerung. Seit über 50 Jahren ist es hier mit der Herrlichkeit vorbei; zurück blieb ein morbider Charme.


Wir kurbeln höher und höher. Mittlerweile sind wir fast alleine auf der Straße – seit Axat ist der Verkehr fast komplett verschwunden. Dies ist eine angenehme Eigenschaft vieler Pyrenäentäler – abseits der großen Verkehrsachsen und Skigebiete ist dieses schöne Gebirge bis heute ein Abwanderungsgebiet. Die D 118 ist also auf weite Strecken eine Traumstraße für Reiseradler! Und zwar ganz hinauf bis zur Cerdagne bzw. Cerdanya, einem berückend schönen Hochtal mit weiten Wiesen und kleinen Wäldchen, durch das auch die Grenze zu Spanien verläuft. Kleine Dörfer sind rundum an den Bergrändern auszumachen; Formiguères ist so eine Art Zentrum und könnte mit seinen urigen Steinhäusern auch im Wallis oder im Engadin liegen.


1500 m hoch sind wir jetzt, 200 Höhenmeter fehlen noch zum Col de la Quillane. Zwei hübsche Stauseen mit tiefblauem Wasser gibt es hier oben, die unter anderem von der nahen Aude-Quelle gespeist werden. Und dann sind wir auch schon auf der Passhöhe, 1713 m – selten einen so gut fahrbaren Hochgebirgspass erlebt. Da haben wir im Zentralmassiv doch wesentlich mehr geschnauft! Nur das fehlende Passschild (für das obligate Foto) stört ein wenig das Gipfelglück. Dafür werden wir jetzt mit einer langen Abfahrt belohnt. Und gegen 18.00 Uhr sind wir dann glücklich am heutigen Ziel angelangt, in der spanischen Exklave Llivia.

Ein guter Griff: Das Hotel Esquirol ("zum Eichhörnchen") blieb uns in Erinnerung als eines der besten auf unserer gesamten Tour. Das mag einerseits an der wirklich genialen Pizza gelegen haben (serviert von der Schieferplatte!), aber auch am hübschen Zimmer mit Balkon und den netten Wirtsleuten. Wir schlafen mal wieder wie die Steine. Eine klare Empfehlung, dieses Haus, nicht zu vergessen das köstliche Frühstücksbuffet:-)

Infolge eines angenehmen Völlegefühls ist der Tritt dann recht schwer am nächsten Morgen. Fast wären wir schwach geworden und den leichteren Weg gegangen, nämlich wie bei der letzten Tour hinüber nach Bourg-Madame, dort über die Grenze und das Tal des Río Segre hinabgerollt. Doch praktisch gleich um die Ecke wartet ein Ziel, das wir auch schon immer mal unter die Reifen nehmen wollten: Andorra. Und dabei noch der Port d'Envalira, der höchste aller Pyrenäenpässe.

Wir drehen also unsere Lenker nach Nordwesten, dann geht es über Ur auf die N 20 und nochmal ein Stück durch Frankreich. Jetzt sind wir wieder auf einer Fernstraße – schwer beladene Lkw ziehen vorbei, die den Tunnel de Puymorens ansteuern. Doch die Straße ist gut ausgebaut; der Stress hält sich somit in Grenzen. Und als wir kurz vor dem Tunneleingang bei Porté die Hauptstrecke verlassen und in die N 320, die alte Puymorens-Passstraße, einbiegen, da radeln wir wieder fast alleine dahin. Etwa 7 km sind es auf mäßiger Steigung bis hinauf zum altehrwürdigen Passhotel, das uns an ein Schweizer Hospiz erinnert. Es ist geschlossenen, zu verkaufen und gammelt vor sich hin – wie lange schon? Hat sich wohl auch nicht mehr gelohnt, seit der Tunnel fertig ist – traurig, aber wahr. Ein paar Jugendliche tragen gerade Matratzen heraus und laden sie auf einen Kleinlaster. Pyrenäenpässe und -täler haben oft auch einen Hauch von Tristesse.

Nach dem Pass folgt eine kurze Abfahrt, dann mündet die N 320 in die Hauptstraße nach Andorra ein, die von L'Hospitalet herauf kommt. Hier ist der Verkehr jetzt wieder heftig – alles Schnäppchenjäger und Billig-Tanker, die es in die Zollfrei-Zone zieht. Die Auffahrt nach Andorra ist in jeder Hinsicht härter als der leichte Col de Puymorens. Von der Steigung her, aber vor allem deshalb, weil wir uns hier plötzlich wie während der Rush Hour auf der Heilbronner Straße in Stuttgart fühlen. Bald passieren wir dann eine riesige, moderne Zollstation, vor der ein paar Kühe grasen. Vor uns können wir, wieder über grasende Kuhherden hinweg, eine ziemlich große Siedlung ausmachen, die teils abenteuerlich am Hang klebt. Das muss Pas de la Casa sein, Grenzdorf, Touristenziel, 20 Skilifte und in jedem Haus ein Laden.

In Pas de la Casa machen wir eine kleine Pause und schauen vom Straßencafé aus dem Rummel zu. Gar nicht so leicht ist es dann, hier ein bisschen Obst aufzutreiben; überall gibt es vorwiegend Schnaps, Tabak, Parfüm und Elektronik. Aber der Ort hat was; recht sauber ist alles, die Bürger wirken zufrieden und wohlhabend. Wir sind angenehm überrascht.

Die letzten 4 km zum Port d'Envalira hinauf sind dann nochmal richtig hart. Oben auf 2400 m (der höchste Punkt unserer ganzen Reise!) bläst es wie verrückt und ist schweinekalt. Wir kramen schnell die Wintertrikots hervor (seit langer Zeit zum ersten Mal!), lassen ein Passfoto von uns machen, und dann stürzen wir uns schlotternd in die lange Abfahrt nach Andorra La Vella.

Andorra ist trotz Kommerz ein interessantes Land. Wir kommen durch propere Dörfer mit hohen Steinhäusern, die sich gewagt die Steilhänge hinaufziehen. Alles scheint hier in der Senkrechten zu sein! Und alles wirkt geschmackvoll und picobello sauber. Bei einem Wasserfall haben sie einen hübschen Picknickplatz angelegt, auf dem Dorfplatz von Canillo steht eine schön restaurierte Schneefräse, die Straßen sind erstklassig. Ein paar uralte romanische Kapellen säumen außerdem unseren Weg wie etwa Sant Joan de Caselles.

Und die Menschen hier sind ausgesprochen freundlich. Im Straßengewirr von Andorra La Vella erklärt uns ein Verkehrspolizist den Weg zu unserem Hotel, das ein sehr guter Treffer ist – vier Sterne, trotzdem sehr günstig (gehört sich so im Schnäppchenparadies:-), Pool auf dem Dach, die Räder dürfen wir mit in unser geräumiges Zimmer nehmen. Perfekt für den jetzt längst fälligen Ruhetag!

Am nächsten Morgen machen wir einen Spaziergang zum Casa de la Vall. In dem ehrwürdigen alten Steinbau, einem ehemaligen Patrizierhaus aus dem 16. Jahrhundert, trat für viele Jahre das andorranische Parlament zusammen, der "Rat der sieben Täler". Hier steht auch der berühmte Schrank mit den sieben Schlössern. Erst wenn alle Gemeindevertreter anwesend waren konnte mit den Staatsgeschäften begonnen werden. Eine uralte und bewährte Demokratie also, das gefällt uns – mehr dazu hier. Auch das neue, moderne Parlamentsgebäude gleich nebenan ist architektonisch sehr gelungen.


Natürlich schlendern wir auch durch die üppigen Einkaufsstraßen und schauen uns die Geschäfte an. Ausgesprochen viele Russen sind in der Stadt (mit Geldkoffern?) – Andorra ist auch bekannt für seine Banken mit Nummernkonten. In den Prospekten des Tourismusbüros sind die Erläuterungen nach Spanisch und Französisch gleich in Russisch, dann erst in Englisch und Deutsch. Ob die Spielzeug-Elektro-Kalaschnikov in einem der Schaufenster wohl das angesagte Mitbringsel für die Kids daheim ist?

Und nachmittags machen wir noch einen Spaziergang entlang der Levada hoch über der Stadt. Von diesem Kanal, an dem ein gepflasterter Weg entlang führt, hat man eine prächtige Aussicht über das halbe Tal. Auf jeden Fall sind wir froh, mal einen Tag in diesem interessanten und sympathischen Kleinstaat verbracht zu haben, den wir bislang nie auf dem Fokus hatten – hier kämen wir glatt nochmal her, für einen Wanderurlaub etwa.

Andorra La Vella – Toledo (770 km*)

Schnell sind wir am nächsten Morgen auf abschüssiger Straße aus Andorra draußen und erreichen die spanische Grenze. Spanien empfängt uns mit guten Straßen und mit einem schönen Schild, auf dem Autofahrer zur Rücksicht gegenüber Radfahrern aufgefordert werden. So lassen wir es uns gefallen:-) In Seu d'Urgell kommen wir dann ins Tal des Río Segre und auf die N 260 – dieselbe Straße, die uns schon damals nach Lerida geleitet hat, nur halt "außen vorbei" an Andorra.

Eine letzte schöne Schlucht säumt noch unseren Weg, dann weichen die Felswände zurück – die Pyrenäen liegen hinter uns. Ehrlich, wir werden sie vermissen! Einerseits, weil wir einfach die Berge lieben, aber noch viel mehr wegen der herrlich kühlen, luftigen Nächte in Llivia und Andorra. Denn ab jetzt wird es wirklich sehr, sehr warm. Spanien stöhnt im September 2016 über eine Rekordhitze, dazu setzt heute noch ein brutaler Gegenwind ein und die Straße beginnt, die Windungen des Río Segre über die umliegenden Hügel abzukürzen.

Kaum können wir noch glauben, dass wir einstmals auf dieser Straße eine Monster-Etappe von gut 170 km hingelegt haben – an diesem Abend sind wir jedenfalls in Artesa de Segre nach nur 102 km (und dabei noch tendenziell bergab) so platt wie schon lange nicht mehr. Doch unser Hostal Muntanya erweist sich als guter Griff – das Zimmer ist schön, das Internet schnell, der Wirt ein netter Mensch. Und abends gibt's ein super Menü inkl. Wein für nur 11.80 Euro p/pax. Frühestens ab 21.00 Uhr jedoch – jetzt werden wir uns langsam wieder an den spanischen Tagesablauf gewöhnen: Früh aufstehen, ab 13.00 Uhr Siesta, dann geht nix mehr bis mindestens 17.00 Uhr im ganzen Land. Wer jemals die iberische Mittagshitze kennen gelernt hat, wird den Lebensstil hier sehr bald zu schätzen wissen! Und da gibt es doch tatsächlich finstere Mächte, die die Siesta abschaffen wollen. Die haben keine Ahnung:-)

Am nächsten Tag also früh raus. Schon vor 8.00 Uhr sitzen wir im Sattel, queren bald Lérida auf stark befahrenen Stadtautobahnen, geben Gas – und schaffen es leider doch nicht ganz, unser Tagesziel bis Mittag zu erreichen. Und jetzt wird es im Tal des Río Segre wirklich tierisch heiß. Als wir so gegen 15.00 Uhr in Mequinenza einlaufen, wo der Río Segre in den Ebro mündet, zeigt das Thermometer an der Apotheke 44 °C und das Wasser in den Trinkflaschen ist so heiß, dass man ohne Weiteres einen Teebeutel hinein hängen könnte.

Im guten Hotel Zaytun haben sie zum Glück eine Klimaanlage, dann kaufen wir im kleinen Supermarkt sehr viele Getränke. Als wir am Abend um 21.00 Uhr im Hotelrestaurant einlaufen ist außer uns noch kein Mensch da. Um 23.00 Uhr jedoch ist der Laden bis auf den letzten Platz belegt. Mequinenza ist, so nebenbei, der absolut einzige Ort unserer ganzen Spanien-Durchquerung, wo nicht ein Einziger zum Abendessen draußen sitzen will...

Schon um 6.00 Uhr schellt anderntags der Wecker – Frühstart; wir überqueren den Ebro auf einer hübschen Brücke und auch die "Landesgrenze" von Katalonien nach Aragon. Dann geht es auf der N 211 gleich wieder anstrengend in die Berge. Von oben sieht man noch lange auf den Fluss, der hier zum größten See Nordspaniens aufgestaut ist ("Mar de Aragon").

Wir kommen auf gut 400 m hinauf, dabei geht es ständig auf und ab. Sierra Grosa, Sierra de Caspe, Sierra de Vizcuerno – ganz Aragon ist eine einzige Abfolge von Sierras und schenkt dir keinen ebenen Meter. Und nur einen einzigen Ort gibt es auf der ganzen heutigen Etappe – Caspe. Kurzer Einkehrschwung; das Straßencafé unter schattigen Bäumen erscheint uns wie das Paradies.

Nur noch 30 km sind es dann bis Alcañiz, aber die werden wieder hart und zäh. Die Sonne sticht, die Felder sind ausgedörrt, wir sehen nicht ein einziges noch funktionierendes Gehöft. "Wie ein Schlächter stand die Sonne am Himmel" schrieb einst ein englischer Schriftsteller, der das spanische Landesinnere im Hochsommer durchwanderte.

Wir fühlen uns an unsere Etappe von Las Vegas zum Valley of Fire anno 2011 erinnert (s. hier). In Alcañiz zeigt das Thermometer dann abends um Zehn noch 38 °C. Selbst Marisol, bei der wir für die nächsten zwei Tage ein nettes Apartment gemietet haben, stöhnt über die ungewöhnliche Hitze. Doch beim Abendessen auf der Plaza, wo es ein bisschen luftig ist und man schön auf die imposante Kirchenfassade blickt, da fühlen wir uns wieder richtig wohl. Unglaublich, wie man sich an Extrembedingungen gewöhnen kann.

Alcañiz hat uns schon 1993 gut gefallen – der Ruhetag hier hat also gewisse nostalgische Aspekte. Doch es ist auch Wäsche waschen angesagt und, der Hauptgrund: Hier startet morgen die 16. Etappe der Vuelta a España 2016. Sehr interessant ist das dann – schön, so ein Profi-Rennen auch mal live zu erleben. Die Fahrer werden auf einem Podium vom Rundfahrt-Sprecher vorgestellt, fahren zum Aufwärmen (kein Witz!) ein paar Mal die Avda. Galán Bergua auf und ab, und dann startet das Peloton um 13.50 Uhr exakt in der größten Mittagshitze.



Wir sind schon vom Knipsen und Zuschauen fast platt – die Profis sind dann bereits nach gut drei Stunden am Ziel in Peniscola (158 km!), und dort gibt es sogar noch eine Sprint-Ankunft. Es gewinnt der Luxemburger Jempy Drucker mit einer Zeit von 3:21:18. Wir brauchen dann tags darauf für die 80 km nach Montalbán mehr als acht Stunden.

Jetzt kommen wir so langsam wieder in die Hochlagen. Die N 211 zieht sich durch eine tolle, fast wildwestartige Landschaft ständig höher hinauf; Montalbán liegt schon auf 900 m. Die Hitze geht merklich zurück und wir stellen erfreut fest, dass wir sogar wieder die ganze Nacht durch das Fenster offen lassen können. Der nächste Tag beginnt dann mit einem weiteren fordernden Anstieg über das Kohleminen-Städtchen Utrillas hinauf zur Puerto de San Just, wo wir sogar die 1400-Meter-Marke knacken. Dann geht es weiter über eine unendliche, fast menschenleere, trockene Hochebene mit vereinzelten weltentrückten Dörfern, Perales de Alfambra etwa – hier ist absolut der Hund begraben!

Dazu begleitet uns pittoresk die nie fertig gewordene Bahnlinie Alcaniz-Teruel mit tollen Bahnhofsruinen und Brücken. Auf dem Venta-Viadukt hat der Bürgermeister von Alfambra ein Blech-Züglein aufstellen lassen, und auf dem alten Bahnsteig warten Pappkameraden. Schade, dass man die ganze Geschichte nur auf Spanisch nachlesen kann. "El Sueño", der Traum, heißt dieses Skulpturen-Projekt. Die Bürger hier trauern heute noch ihrer Bahnlinie hinterher. Tja, es war schon immer eine Spezialität der Spanier, etwas endlos lang und mit viel Engagement voranzutreiben, das dann leider nie fertig wird. Das erinnert uns an den Abschnitt Manacor-Arta der Mallorca-Bahn, bei dem auch seit Jahren nur noch die Schienen fehlen.

Ein weiterer Traum, aber ein realer ist Teruel – für uns eine der schönsten Städte Spaniens. Das war bei der Tourplanung absolut klar: Die Strecke Alcaniz-Teruel ist auf jeden Fall wieder dabei! Bekannt ist Teruel für seine Bauwerke im Mudejarstil, einer Verbindung aus europäischer und islamischer Baukunst, entwickelt im 12. bis 15. Jahrhundert von islamischen Handwerkern, die nach der Reconquista im Land blieben. Die mit weißen und grünen Kacheln verzierten Türme, dazu die Kathedrale Santa María sind eine Augenweide, dazu gibt es im Stadtbild etliche sehr hübsche Jugendstilhäuser.

Auf der Plaza del Torico kann man wunderbar zu Abend essen und das spanische Lebensgefühl an sich vorbei flanieren lassen. Wir stellen aber auch fest: Eine ganze Menge Touristen sind in der Stadt, ganz anders als damals, vor 23 Jahren – da waren wir beinahe die einzigen. Fast kriegen wir keinen Tisch mehr... Wie auch nach Südfrankreich, so scheint es mittlerweile sehr viele Touristen nach Spanien zu ziehen, aus welchen Gründen auch immer, und durchaus nicht nur an die Strände oder zu Andalusiens Weltkulturerbe wie früher. Doch es ist ja auch schön, wenn die Leute auf den Geschmack kommen. Teruel ist dabei wenigstens (im Gegensatz zu Carcassonne) eine sympathische, "richtig" bewohnte Stadt geblieben.

Der Weiterweg führt uns zunächst angenehm am Río Turia entlang, der hier eine schöne Schlucht ausgebildet hat, die fast mit den Gorges du Tarn mithalten könnte. Am späten Vormittag müssen wir aber das Flusstal verlassen, und dann geht es bei anstrengender Steigung mal wieder 700 m hinauf. Dabei gibt es null Versorgung; die einzige Bar an einem kleinen Rastplatz ist aufgegeben und halb verfallen. Erst nach 14.00 Uhr können wir uns in einem kleinen Restaurant eine (köstliche) Gazpacho einverleiben. Diese kalte Gemüsesuppe ist einfach das perfekte Essen für die spanische Hitze, ein Brot dazu, ein Bier – passt:-)


Mit der Passhöhe, der nur eine kurze Abfahrt folgt, haben wir Aragon verlassen und sind jetzt in Castilla-La Mancha. "Nicht gerade die aufregendste Region Spaniens, flach, eintönig und scheinbar fast unbewohnt", so lesen wir im Reiseführer (National Geographic Traveller "Spanien"). Das scheint zu stimmen – geografisch ist das ein Teil der Meseta, der riesigen Hochebene rings um Madrid, und bekannt ist La Mancha vor allem durch Don Quijote und Sancho Panza, die beiden unsterblichen Figuren aus dem Roman von Miguel de Cervantes, einer Parodie auf das Rittertum im 17. Jahrhundert. Hier hat Don Quijote gegen Windmühlen und gegen Rotweinschläuche gekämpft – auch wenn wir kaum eine der historischen Windmühlen zu Gesicht bekommen (sie liegen alle auf Hügeln weit abseits unserer Straße), so kann man sich das sehr gut vorstellen. Und auch, dass irgendwo einer der "mittelalterlichen Ritter, die – halb Mönch, halb Soldat – so erbittert gegen die Mauren kämpften" gleich irgendwo um die Ecke kommt.


Der Grund, warum wir diese Route gewählt haben, heißt: Toledo. Die historische Stadt, wo El Greco wirkte und die viele Jahre ein wichtiges Zentrum von Wissen und Kultur war, wollten wir wirklich schon immer mal sehen. Dorthin ist es aber noch ein weiter Weg – gut 350 km ab Teruel. Hinter Cuenca, dessen Häuser spektakulär über einem Felsabbruch hängen, geht es hinab in die flache und völlig untouristische Einsamkeit. Öfter mal, auch noch lange nach Toledo, sind wir praktisch die einzigen Hotelgäste, dinieren fast allein in altehrwürdigen Speisesälen.

Und ein Restaurant für die Mittagsrast muss man meist lange suchen, denn die Kneipen liegen in einem der wenigen Dörfer weitab der Straße. Die sind dann aber manchmal ein echter Glücksgriff: In Horcajada de la Torre etwa kriegen wir im Méson Sopas Justas, also im Haus der gerechten (oder wahren?) Suppen, einen perfekten, frisch gebratenen Burger, und dazu ist es sehr gemütlich. Das halbe Dorf sitzt da, eine Menge Handwerker machen hier Mittagsrast, alle sind sehr freundlich.

Für die Obst- und Kekspause bieten sich dann immer die hübschen Bus-Häuschen an wie etwa das von Valparaíso Abacho (Unter-Paradiestal). Doch die abgemähten, sehr trockenen Getreidefelder, ab und zu unterbrochen durch verdorrte Sonnenblumenfelder, machen alles andere als einen paradiesischen Eindruck. Trotz allem ist Castilla-La Mancha irgendwie eine beeindruckende, urwüchsige Landschaft, die oft weite Blicke zulässt.

So rollen wir zügig und verkehrsarm dahin, oft sogar ganz unerwartet mit Rückenwind. Das lassen wir uns gefallen – auch wenn wir dann doch nicht ganz so schnell sind wie die Einheimischen uns das zutrauen. In Cuenca etwa meinte die nette Frau an der Hotel-Reception, als wir uns morgens in den Sattel schwingen wollten: "Nach Tarancón, das sind 80 km mas o menos. In einer Stunde seid ihr da! Na ja, en Bici vielleicht in zweien." Tja, der Reiseradler, das unbekannte Wesen:-)

Doch trotz untouristischer Gegend – sich abends ohne Hotelreservierung in einem Städtchen einzufinden, das kann ins Auge gehen. Mehrmals jährlich gibt es nämlich in jedem auch noch so kleinen spanischen Ort eine Fiesta, meist zu Ehren der Ortsheiligen, und die kann dann durchaus eine ganze Woche dauern. Dann ist alles ausgebucht, die Läden haben nur stundenweise offen, alle Kneipen sind rammelvoll und auf den Straßen herrscht ein bierseliges Gewimmel. So etwa in Tarancón – nur weil wir vorgebucht haben (www.booking.com sei Dank) müssen wir nicht auf einer Parkbank pennen, und nur dem kleinen Chinesenladen um die Ecke verdanken wir es, dass wir nicht verhungern. So etwa gegen Mitternacht beginnt dann die Blasmusik, laut und meist etwas schräg, und das bis um 7.00 Uhr morgens.

Toledo erreichen wir an einem schönen Sonntagnachmittag so gegen 16.00 Uhr. Wir setzen uns zuerst mal in eine nette Bar am Stadtrand, wo auf der Terrasse ein kühler Sprühnebel die Hitze erträglich macht, und lassen uns einen riesigen kalten Sprudel, Orangensaft und hinterher noch ein Bier servieren (zum Ausgleich des gestressten Elektrolyt-Haushalts:-). Dann holen wir uns am Bahnhof einen Stadtplan und gehen den steilen Anstieg zur historischen Altstadt an. Sehr fordernd ist das mal wieder, wir packen es mit letzter Kraft im Granny Gear, und oben herrscht ein Mords Touristenrummel. Trotzdem, diese Stadt gefällt uns gleich auf Anhieb. Unser Apartment in einer engen Gasse nur 100 m von der Plaza ist ein echter Glücksgriff.

Dann müssen wir natürlich gleich noch eine Weile durch die im wunderbar weichen Licht des Spätnachmittags daliegenden steilen Straßen streifen, und abends folgt dann der zweite Glücksgriff: Im Straßenrestaurant gleich vor dem Haus haben sie den besten Hirschgulasch ("Venado à la Toledana"), den ich seit mindestens fünf Jahren gegessen habe – auf jeden Fall das beste Fleisch seit Biederbach vor gut vier Wochen. Und für Sybille gibt's ein genauso gutes Pisto, also ein Ratatouille. Die kastilische Küche hat schon was, alles was recht ist:-) Wir schlafen heute auf dem Rücken.

Toledo liegt am Tajo (auf Portugiesisch: Tejo), der die Altstadt malerisch umfließt, in einer Schlinge wie ein Hufeisen – das wäre jetzt quasi die Zielgerade nach Lissabon. Doch unser Kultur- und Besichtigungsprogramm, dazu die geliebten Bergstrecken kosten einfach viel Zeit. Das ist nun mal die uns genehme Reiseform, und wenn wir es noch ganz bis Lissabon schaffen wollten, dann gäbe das eine schwere Hetzerei. Zudem bliebe uns dann nur noch sehr wenig Zeit für Andalusien, und das geht nun wirklich gar nicht – wir beschließen also ohne Reue, für diese Tour auf Portugal zu verzichten und unsere Lenker nach Süden zu drehen, in Richtung Córdoba. Lissabon wird auch in ein paar Jahren noch stehen.

Außerdem: Aus Kastilien und der benachbarten Extremadura kam ein Großteil der berüchtigten Conquistadores, Pizarro z.B., der schuftige Zerstörer des Inkareichs. Von den Häfen Andalusien brachen sie auf in die Neue Welt, und vorher schon waren die berühmtesten Entdecker und Pioniere dort gestartet. Kolumbus etwa, der Entdecker Amerikas, in Palos de la Frontera nahe Huelva. Und Magellan, dessen Mannschaft die erste Weltumsegelung gelang, legte in Sevilla ab, von wo er sich zunächst den Río Guadalquivir hinunter treiben ließ. In Sevilla machte später auch der Zeppelin immer eine Zwischenlandung, bevor es auf den Atlantik hinaus und in Richtung Brasilien ging. Als alte Amerika-Fans interessiert uns das alles natürlich sehr – das Fortsetzungsprogramm steht:-)

Wir buchen also unser schönes Apartment gleich für zwei weitere Nächte sowie für morgen einen Mietwagen, um nach Trujillo hinüber zu fahren, dem Geburtsort des Übeltäters Pizarro. Und dann machen wir uns auf zur Entdeckung der Sehenswürdigkeiten von Toledo.

Unsere erste Station ist die Jesuiten-Kirche San Ildefonso, wo man auf die Türme hinauf steigen kann und eine grandiose Aussicht hat. Unter uns breitet sich die Stadt aus in ihrer ganzen Pracht. Toledo, so lesen wir in unserem guten Reiseführer (Nat'l. Geographic, s. oben) kam ab dem 6. Jh. gut 800 Jahre lang eine bedeutende Rolle zu. Zunächst war es noch die Hauptstadt der Westgoten, doch vor allem seit dem Beginn der maurischen Herrschaft im 8. Jh. blühte der Handel, und Juden, Christen und Moslems arbeiteten friedlich mit- und nebeneinander. Doch auch nach der christlichen Reconquista, die in Toledo 1085 stattfand, blieb der Frieden zwischen den Konfessionen noch für lange Zeit gewahrt. Ach, könnte es doch immer so sein. Unsere aktuelle Welt hat definitiv abgebaut.

Aus dem verschachtelten Gassengewirr der Altstadt stechen zwei Monumente besonders hervor: Der gewaltige Alcázar, heute unter militärischer Verwaltung und somit nicht zu besichtigen, und die Kathedrale, zu der wir dann sogleich unsere Schritte lenken. Sie soll innen sehr schön sein, mit geschnitztem barockem Altaraufsatz, herrlichem Chorgestühl und etlichen El Grecos in der Sakristei – Eintritt 12 Euro. Pro Person. Mehr als der beste Hirschgulasch inkl. Zubehör und Wein. Auf die Gefahr hin, uns als Banausen zu outen, aber das verkneifen wir uns. "Tja, die katholische Kirche konnte schon immer den Hals nicht voll kriegen", grinst unser Vermieter Alberto am Abend. Wohl wahr.

Das wunderbare Museo del Greco reißt es aber dann heraus – ein wirklich interessantes Museum mit großartiger Gemäldesammlung und sehr fundierten Erklärungen. El Greco (1541-1614), der sich in Italien und später am spanischen Hof nie richtig etablieren konnte (er galt als recht eigenwilliger Charakter), lebte dann während der Glanzzeit seines Schaffens in Toledo. Nicht exakt in diesem Haus, doch das ist seinem Wohn- und Arbeitsort sehr gut nachgebildet. In Toledo schuf der Künstler seine berühmtesten Bilder, zu erkennen an ihrem naturalistischen Stil, den (damals absolut unüblichen) starken Kontrasten und an der hohen Leuchtkraft ihrer Farben. Mehr zum spannenden Leben und zum großartigen Werk des Griechen, dessen eigentlicher Namen Domínikos Theotokópoulos war, gibt es hier zu lesen.

Später erkunde ich noch ein wenig die Stadt per Rad. Ein schwieriges Unterfangen; ich komme durch kaum einen Meter breite Gassen, manchmal stehe ich plötzlich vor Treppen, einmal kommt mir eine über 50 Jahre alte Royal Enfield entgegen. Anders als mit einem Motorrad kann man hier wohl niemals seine Einkäufe des täglichen Bedarfs erledigen – und mit dem Fahrrad macht das eh keiner. "¡Mira, un Bici – aqui!" ruft ein kleines Mädchen seiner Oma zu. Tja, gegen Toledo war selbst San Marino (auf unserer Tour vor zwei Jahren) noch fast flach. Doch hier, in diesen Gässchen, da ist die Stadt am schönsten. Hier gibt es noch Bars mit gerade mal drei Tischchen, kleine Handwerksbetriebe, Änderungsschneidereien und eine Eisenwarenhandlung mit geschätzten 20 m². Anstatt Läden mit geschmiedeten Schwertern, chinesischem Nippes und Schinkenbroten für 9 Euro in den Haupt-Gassen. Das Mega-Touri-Ziel lebt in seinem Inneren; eine großartige Stadt.

Jetzt steht Trujillo auf dem Plan – schlappe 220 km entfernt, aber das müssen wir unbedingt sehen. Schon um 8.30 Uhr flitzt deshalb anderntags unser gemieteter Seat Ibiza auf der Autobahn nach Westen. Unterwegs geht ein kräftiger Regen nieder, der erste seit Langem, angenehm erfrischend. Der hält bis Mittag an, und jetzt ist die Hitzewelle endlich vorüber. Ganz Spanien atmet hörbar auf! Und auch die schwäbischen Reiseradler – ab jetzt verläuft unsere Tour vollends bei erträglichen Temperaturen, und nach zwei, drei grauen Tagen wird es auch wieder richtig schön.

In Trujillo besuchen wir natürlich Francisco Pizarros Geburtshaus (heute ein kleines Museum), wo der Oberschurke 1478 das Licht der Welt erblickte. So ein freundliches Volk die Spanier auch sind, sie sind bis heute stolz auf ihre Conquistadores, die weiß Gott keine feinen Menschen waren und eine Menge Indígenas auf dem Gewissen haben. Pizarros Denkmal steht fett und mächtig auf der Plaza, direkt vor der Kathedrale.

Rundum kann man die noblen Domizile bewundern, die sich die Eroberer von dem geklauten Inka-Gold bauen ließen; Hernando Pizarro etwa, Franciscos Bruder. Einige der alten Paläste gammeln malerisch vor sich hin, sind zu verkaufen oder zu vermieten – von einer Immobiliaria Pizarro. Die Pizarros haben bis heute Nachkommen in der Stadt.

Später besuchen wir noch die Kirche Sta. María (deren Turm man auch besteigen kann - so was lassen wir nie aus) und werfen einen Blick in den Patio des Hauses von Francisco de Orellana, der als erster Europäer den Amazonas befuhr. Hier soll auch Miguel de Cervantes, der Autor der Don-Quijote-Romane, eine Weile gewohnt haben. Ein interessanter Ausflug war das, unbedingt! Dann geben wir Gas, zurück nach Toledo.

Toledo – Palos de la Frontera – Sevilla (700 km*)

Am nächsten Morgen verlassen wir Toledo und das Tal des Tajo auf anstrengendem Anstieg und in den langen Klamotten – nach der Hitzewelle sind wir gar nicht mehr an "normale" Temperaturen gewöhnt. Jetzt geht es so richtig in die Provinz. Auf den gut 300 km bis Córdoba gibt es keinerlei Tourismus mehr, nur einmal queren wir einen einsamen Ast des Jakobswegs. Auch der Verkehr ist praktisch gleich Null, nur ab und an heizt ein Schnellzug auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke Madrid-Sevilla vorbei. In Malagón übernachten wir in einem etwas heruntergekommenen, dafür preiswerten Hotel; das Menü am Abend kommt auf gerade mal 9 Euro p/pax inkl. Wein und Espresso. Dann als nächste Etappe Puertollano, ein quirliges (und recht sauberes) Zentrum des Bergbaus und der Petrochemie. An der Hauptstraße ist ein Kohle-Förderturm als Denkmal aufgebaut, und der Erdölkonzern Repsol betreibt hier mehrere große Anlagen. Morgens werden Schafe durch die Hauptstraße getrieben.

Dann geht es wieder in die Berge. Die Sierra Morena ist unser letztes "Hindernis" auf dem Weg nach Andalusien; sie schwingt sich auf rund 1300 m auf und begrenzt Castilla-La Mancha im Süden wie ein Tellerrand. Eine ihrer Ketten ist die wilde und kaum besiedelte Sierra Madrona, und die erhebt sich nun vor uns in der wunderbar klaren Luft am Horizont. Am Ortsausgang von Puertollano passieren wir noch etliche alte und romantisch verfallene Relikte des einstigen Kohlebergbaus, bevor es dann so richtig einsam wird – 60 km ohne Kneipe, ohne Lädchen, ohne Tankstelle.

Die alte N 420 zieht sich zuerst noch durch eine weite Ebene, dann kommen insgesamt drei Pässe, die zwar alle unterhalb der 1000-Meter-Marke bleiben, jedoch trotzdem recht anstrengend sind. Dazwischen liegen weite Täler mit einsamen Gehöften, die zum großen Teil verfallen sind. Eine großartige, urwüchsige Landschaft – vielleicht eine unserer schönsten Strecken in Spanien.

Gegen 16.00 Uhr erreichen wir in Fuencaliente, fast auf dem Scheitel des Gebirges, unser vorgebuchtes Hotel Sierra Madrona – und damit eines der sympathischsten Hotels auf unserer ganzen langen Reise! Das stilvolle und total liebevoll eingerichtete Haus ist von Bambus fast eingewachsen, liegt in einem wunderbaren, weitläufigen Garten und der Wirt ist gleichzeitig ein überzeugter Bio-Bauer. Unglaublich, wir sind hier die einzigen Übernachtungsgäste! Zum Abendessen, das uns im gemütlichen Kaminzimmer serviert wird, gibt es eine köstliche kalte Tomatencreme mit Speck, Käse und einem fantastischen Olivenöl, danach Wildschweinragout und zum Nachtisch eine erstklassige Schokoladencreme. Eine absolute Empfehlung, dieses Haus! Spanien hält einfach immer wieder selbst in seinen hintersten Ecken die schönsten Überraschungen bereit:-)

Am nächsten Morgen überschreiten wir, ohne es zu bemerken, schon nach wenigen Kilometern die Grenze. Kein Schild tut dies kund – Castilla-La Mancha verabschiedet sich genau so unspektakulär wie es uns begrüßt hat. Auf den zweiten Blick müssen wir sagen, das war doch eine recht interessante Region – ein wenig verkannt eben, wie so vieles in Spanien abseits der Küste und der ausgetretenen Touristenpfade. Wir sind jedenfalls froh, dass wir diese Route gewählt haben. Und jetzt freuen wir uns auf Andalusiens Kulturschätze und sein oft thematisiertes Lebensgefühl.

Eine kleinere Sierra noch, dann senkt sich die Straße ins Tal des Río Guadalquivir hinab, und zwar gleich so kräftig, dass wir auf nur vielleicht 7 km 600 m an Höhe verlieren. Weit schweift der Blick über sanftes Hügelland mit unzähligen Oliven- und Orangenbäumen – das Guadalquivir-Tal ist Andalusiens fruchtbare Oase inmitten ausgedörrter Landschaften. Unten sehen wir Montoro liegen, eines der blendend weiß gekalkten Städtchen und Dörfer, die man mit dem typisch andalusischen Flair in Verbindung bringt. Hier überqueren wir den Fluss – der ist jetzt praktisch unsere Zielgerade bis Sevilla.

Eine weitere Eigenart Andalusiens lernen wir jetzt auch gleich kennen: Für Tourenradler ist es unwegsam! Aus der früheren Nationalstraße hat man hier nämlich eine Autobahn gemacht, und die ist für Fahrräder verboten. Es gebe aber eine parallele Via de Servicio, so wird uns treuherzig versichert, no hay Problema. Sogar ausgeschildert – doch die Wegweiser am Ortsrand von Montoro führen uns auf ein mit Schlaglöchern übersätes Asphaltweglein, das sich kurz darauf als Wirtschaftsweg in einer Olivenplantage verliert. Wir müssen eine sehr steile, harte Schotter-Etappe meistern, teils mit kindskopfgroßen Flusskieseln, und die ist sogar noch als offizieller Radweg ausgewiesen: Als wir nach einer halben Ewigkeit verschwitzt, staubig und schiebend eine kleine Landstraße erreichen, warnt dort ein riesiges Schild die Autofahrer: Achtung, Radfahrer! Wahrscheinlich sind hier schon hin und wieder Ciclistas kopfüber aus dem Olivenhain herausgekugelt.


Bei unserer ganzen Spanien-Durchquerung haben wir überall neben den Autovias gute Landstraßen angetroffen – im armen Andalusien nicht. Wer fährt auch schon mit dem Bici überland in einer Region, wo es monatelang 40 °C und mehr hat. Später gibt es wenigstens wieder löchrigen Asphalt. Ein Guardia-Civil-Fahrzeug kommt uns entgegen – wir fragen die freundlichen Polizisten, wie wir uns denn hier orientieren sollten. Da lotst uns die Guardia Civil persönlich mit eingeschaltetem Warnblinker etliche Kilometer weit zu einem noch existierenden Stück der Nationalstraße, und dann kriegen wir noch eine Zeichnung mit, damit wir die kleinen Landstraßen und Asphaltwege bis Alcolea auch finden, ab dort sei es wieder einfach. Zum Abschied will ich noch ein Foto machen – aber das dürfe ich auf keinen Fall, sagen die beiden sehr entschieden; wenn ihr Jefe dieses Bild zu Gesicht kriegt, im Internet etwa, dann kriegen sie fürchterlich eins auf den Deckel. Auch das ist Andalusien – relaxed und freundlich; der Mensch zählt mehr als die Vorschriften.

Hier auf nur noch 150 m Höhe ist es jetzt wieder recht warm, wenngleich auch weit entfernt von 40 °C. Wir brauchen unseren ganzen Obstvorrat, eine Menge Wasser und in Alcolea dann noch eine ausgiebige Getränkepause in einer Bar – schon vermissen wir wieder die angenehme Kühle in den Bergen. So wird es deutlich nach 18.00 Uhr, bis wir in Córdoba eintreffen. In einem Andenkenladen kaufen wir einen kleinen Stadtplan, sonst hätten wir unser Apartment im Gassengewirr der Altstadt nie gefunden.

Córdoba gefällt uns gleich – die berühmte Mezquita beherrscht das Stadtbild, es gibt eine Menge schöne alte Häuser, über die Fußgängerzone breiten sich Sonnensegel aus und machen die Hitze erträglich. Unser Apartment ist tiptop, alles da, sogar schnelles Internet. Perfekt für einen Ruhe- und Besichtigungstag! Obwohl es Sonntag ist finden wir in einem kleinen Supermarkt alles für ein gutes Abendessen. Gegen Mitternacht lassen wir den Tag mit einem Espresso auf der Plaza Tendillas ausklingen. Eine sehr nette Atmosphäre herrscht hier; Einheimische, Studenten und Touristen vermischen sich auf angenehme Weise und verleihen der Stadt ein weltoffenes Ambiente. So wie es wohl auch zu Zeiten der maurischen Herrschaft war (s. oben bei Toledo).

Als absolute Highlights des maurischen Erbes gelten die Städte Granada, Córdoba, Sevilla und Almería. Granada und das gleichfalls sehr sehenswerte Ronda hatten wir schon auf unserer Gibraltar-Tour angesteuert – so ist diesmal Córdoba (neben Sevilla) ein fester Eckpfeiler unserer Reise. Ein wenig ist daran aber auch mein längst verstorbener Onkel Theo schuld – der, ein begeisterter Kunstsammler, schenkte uns vor vielen Jahren einen verträumt-romantischen Stahlstich, der seither in unserem Esszimmer hängt. Darauf sieht man die Mezquita, wie sie sich im Dunst hinter dem Guadalquivir und der Puente Romano erhebt. Das wollten wir schon lange mal sehen. Und jetzt sind wir da.

Córdoba war die erste Hauptstadt von el-Andalus, wie die Mauren ihr Reich in Spanien nannten. Im 10. Jahrhundert blickte ganz Europa neidvoll auf diese Stadt, ein Ort des intellektuellen Austauschs mit einer renommierten Universität, aber auch mit rund 600 öffentlichen Bädern und einer funktionsfähigen Straßenbeleuchtung. An die 1000 Moscheen soll es damals gegeben haben; sie wurden alle nach der Reconquista zerstört – bis auf die Mezquita. Sie war die prächtigste von allen und ist bis heute eine der größten der Welt. König Ferdinand, der Córdoba von den Mauren zurückeroberte, soll ihre Verschonung persönlich angeordnet haben. Sie wurde dann zur christlichen Kirche umgeweiht.


Spätestens wenn man den (zu allen maurischen Moscheen gehörenden) Orangenhof durchquert hat, den eigentlichen Sakralbau betritt und sich in diesem Dschungel von Säulen und rotweißgestreiften Hufeisenbögen wiederfindet, für den die Mezquita berühmt ist, da steht man stumm vor Staunen. Die Faszination dieses Bauwerks, das uns (wenn auch mit umgekehrter Entstehungsgeschichte) an die Hagia Sophia in Istanbul erinnert, lässt sich mit Worten kaum wiedergeben – ein paar Bilder sagen mehr.

Die Kathedrale, die die Spanier dann in die Moschee eingepasst haben, wird oft als brutaler Schlag aufs Auge beschrieben. Doch ist es nicht gerade diese Diskrepanz, die die Mezquita so einzigartig macht? Genau so empfanden wir es bei der Hagia Sophia auch. Nicht immer ist Stilharmonie das Maß aller Dinge. Für uns war dieser Besuch ein unvergessliches Erlebnis, das selbst Granadas Alhambra in den Schatten stellt. Danke, Onkel Theo:-)

Natürlich steigen wir auch noch auf den Glockenturm hinauf. Von oben hat man aus 40 m Höhe einen großartigen Blick über die Gesamtanlage der Mezquita, über die verschachtelte Altstadt und die Neubauviertel ringsum bis hin zur fernen Sierra Morena. Der Río Guadalquivir schlängelt sich durch sein breites Tal und verliert sich, wie schon auf unserem Stich, weit hinten im Dunst. Fast meinen wir, bereits Sevilla erahnen zu können. Doch das ist natürlich ein Trugschluss; es sind noch fast 150 km bis dorthin.


Jetzt weiter, Kurs Südwest. Das Guadalquivir-Tal ist geprägt von weitläufigen Pflanzungen; vorwiegend sind das Orangen, wir passieren aber auch viele Baumwollfelder. So manche Finca hat was von einem noblen Landgut mit passendem Schloss dazu; manchmal sieht man Einfahrten, die durch ein schönes schmiedeeisernes Gitter versperrt sind, hinter dem eine lange Allee in die Unendlichkeit zu verlaufen scheint. Außerdem ist es hier keinesfalls flach – der große Fluss mäandert kräftig, und die Straße muss sich oft weit in die Hügel hinaufziehen, um halbwegs gerade zu verlaufen. Dazu setzt bald ein ordentlicher Gegenwind ein, der mit der Zeit immer stärker wird und uns kräftig zu schaffen macht.


Von Sevilla geht in knapp zwei Wochen unser Flieger nach Gran Canaria – vorher wollen wir aber unbedingt nach Palos de la Frontera, wo einst wie schon erwähnt Christoph Kolumbus in See stach. Und natürlich wollen wir die spanische Península auch tatsächlich ganz durchqueren bis hin zur Atlantikküste – sonst wäre unsere lange Reise irgendwie nicht komplett, etwa wie ein Marathonlauf, bei dem man für die letzten zwei Kilometer in die S-Bahn steigt. Also werden wir den Großraum Sevilla zunächst nur streifen und dann einige Tage später von Westen her im Zentrum der andalusischen Hauptstadt einlaufen.

Sevilla hat rund 700.000 Einwohner, und die Orientierung im Weichbild des Molochs ist alles andere als einfach. Alle Wegweiser wollen uns auf die Autobahn lotsen, die natürlich für Radler off limits ist. Wir müssen nach Camas auf der anderen Seite des Guadalquivir, der dummerweise in Sevilla auch noch zwei Arme hat, und das steht nirgends angeschrieben. Zunächst einmal geraten wir in ein unübersichtliches Gewirr kleinster Landstraßen fast ohne Beschilderung. Auch unser Versuch, an einer Tankstelle einen Stadtplan zu kaufen, ist nicht von Erfolg gekrönt – dafür hätten wir drei Stück von Barcelona kaufen können:-) So fragen wir uns halt durch; die Leute sind wie immer sehr freundlich. Einer macht sogar eine Zeichnung auf dem Deckel seiner Pizzaschachtel, doch wie man den Fluss en Bici überqueren könnte, davon hat keiner auch nur die geringste Ahnung.

Schließlich finden wir die Puente Alamillo draußen beim ehemaligen Expo-Gelände von 1992 – hier gibt es zwischen den Autobahnspuren in der Mitte den perfekten Radweg, der aber mangels Benutzung an vielen Stellen halb zugewachsen ist. Dabei gilt Sevilla als eine der radlerfreundlichsten Städte der Welt. Zumindest in den Vororten haben wir außer ein paar Kids mit BMX-Rädern nicht einen einzigen Radler gesehen. Doch immerhin kommen wir jetzt nach Camas, wo wir mit Hilfe der Policia Local und nach einer halben Stunde Herumfragens endlich die alte N 431 finden, die uns dann ohne Orientierungsschwierigkeiten nach Sanlúcar la Mayor bringt. Erst nach 18.00 Uhr sind wir da.

Als Entschädigungen für die vielen Irrungen und Wirrungen ist aber unser Hotel (Exe Gran Hotel Solucar) absolut top – Sonderangebot bei www.booking.com für gerade mal 40 Euro. Auch haben sie ein perfektes Menü (Gemüsesuppe, ein köstliches Pilz-Speck-Omelette und zum Nachtisch Tiramisu) für nur 12 Euro. Dazu einen feinen Rioja – das haben wir uns heute verdient!

Rund 100 km sind es von Sevilla nach Palos de la Frontera, das noch nicht direkt am Atlantik liegt, sondern am Unterlauf des Río Tinto – Kolumbus startete dort seine Reise vor dem Kloster Santa María de la Rábida. Als wir den Río Tinto 30 km vor Palos zum ersten Mal zu Gesicht kriegen sind wir echt erstaunt: Eine böse und fast ausgetrocknete Dreckbrühe. Wahrscheinlich wird fast alles Wasser zur Bewässerung abgezweigt – also auf diesem kümmerlichen Rest hätte der genuesische Seefahrer und Entdecker jedenfalls nicht gen Amerika aufbrechen können.

Palos de la Frontera ist dann aber richtig nett. Am Ortseingang steht ein hübsches Modell der Santa María – alles heißt hier nach diesem Kloster, Kolumbus' Flaggschiff und auch unser Hotel. Dort kriegen wir ein prima Zimmer mit Terrasse und Blick auf den hier jetzt tatsächlich schiffbaren Río Tinto. Der bildet hier zusammen mit dem Río Odiel einen breiten Mündungstrichter aus; am gegenüberliegenden Ufer liegt der Hafen von Huelva.


In Palos ist man sehr stolz auf die Entdeckungen im 15. Jahrhundert. Auf dem Weg zum Hotel radeln wir durch die Avenida de las Américas, und die Wappen aller früheren Kolonien sind am Wegesrand in Mosaik ausgeführt. Nun, das kennen wir ja schon von Trujillo. Doch in diesem völlig untouristischen Ort kann man es wirklich aushalten. Nach dem Abendessen sitzen wir noch ewig mit einem Tee auf unserer Terrasse und blicken hinüber nach Huelva mit seinen hell erleuchteten Betrieben der chemischen Industrie.

Das Kloster Santa María de la Rábida liegt nur einen guten Kilometer von unserem Hotel entfernt. Kolumbus hatte hier 1490 Zuflucht gefunden, nachdem das spanische Königshaus den Antrag auf Finanzierung seiner Forschungsexpedition abgelehnt hatte. Der Prior Juan Pérez, Beichtvater von Königin Isabela, trat dann als Fürsprecher auf und konnte Isabela und Ferdinand II, genannt "der Katholische", letztendlich umstimmen. 1492, als Kolumbus seine Reise dann starten konnte, war nebenbei bemerkt auch das Jahr, als ebendieser Ferdinand den letzten Maurenfürsten aus Granada vertrieben und damit die Réconquista abgeschlossen hatte. Kein Wunder, dass dann die Santa María ein großes rotes Kreuz auf ihren Segeln trug.

Draußen in La Rábida ist es sehr nett. Das alte Kloster ist von einem schönen Park umgeben; eine Universität hat hier ihren Sitz mit einem renommierten interamerikanischen Forum. Das Interessanteste für uns ist aber natürlich die Muelle de las Carabelas drunten am Fluss, wo die Nachbauten von Kolumbus' drei Schiffen vor Anker liegen.


Ein sehr gut gemachtes Museum schließt sich an, wo man alles erfährt über Cristóbal Colón und seine Entdeckungsfahrt, der noch drei weitere folgen sollten.

Kolumbus glaubte bis zu seinem Tod, er sei viermal nach Asien gesegelt. Dass es sich bei Amerika um einen eigenen Kontinent handelte, das merkte als erster Amerigo Vespucci ein paar Jahre später, der auch in seinem Reisebericht zum ersten Mal den Begriff "Neue Welt" verwendete. Den Namen "Amerika" prägte dann Anfang des 16. Jh. der deutsche Geograf Martin Waldseemüller, indem er den neuen Kontinent in seiner Weltkarte nach diesem Seefahrer und Kaufmann benannte.

Bemerkenswert ist, dass alle diese frühen Forscher und Entdecker (auch Magellan 1519 bei seiner Weltreise) zunächst einmal die Kanarischen Inseln ansteuerten, die den Europäern bereits seit dem frühen 14. Jh. bekannt waren. Auch die Zeppeline überflogen sie, weil sie auf ihren ersten Amerikafahrten ähnlich wie Zugvögel den Weg über das offene Wasser möglichst kurz halten wollten. Natürlich machten sich alle diese Pioniere dabei auch die Trade Winds zunutze (obwohl dieser Begriff erst viel später geprägt wurde): Hin mit dem Nordostpassat, zurück mit den weiter nördlich verlaufenden westlichen Strömungen. Hochinteressant ist das alles! Wir sind bei unserer langen Teneriffa-Reise also auf einer historischen und von der Natur vorgegebenen Route unterwegs – daher auch unser Motto: HALBWEGS nach Amerika:-)

Bei der Weiterfahrt am nächsten Morgen meinen wir fast, mit dem Nordostpassat dahinzusegeln. Das stimmt natürlich nicht bei unserer eingeschlagenen Richtung Südost, doch ein guter Rückenwind lässt uns durch das weitläufige Hafengelände von Huelva fetzen. Kolumbus blickt uns als Monumentalstatue (gestiftet 1929 von den USA, entworfen von Gertrude Vanderbilt Whitney) vom anderen Ufer aus nach, wie wir entlang dem Río Tinto / Odiel weiter zur Küste pedalen.

Im Hafen von Huelva legt auch heute noch einmal wöchentlich die Fähre der Naviera Armas nach Teneriffa ab. Und zwar jeden Samstag, und den hätten wir heute. Wir schauen uns das schöne Schiff im Vorbeifahren an, die "Volcan del Teide", fast wie ein Kreuzfahrer. Eine lange Fahrzeugschlange wartet schon, darunter auch etliche Deutsche und recht viele Lkw. Sicher ein großes Erlebnis, diese Fahrt, drei Tage, zwei Zwischenstopps.

Mir hätte das gefallen, doch Sybille tut sich schwer mit Schiffen. Und auf den Spuren der alten Seefahrer in die Neue Welt, das geht heute ohnehin nicht mehr. Zwar gibt es noch Frachtschifflinien von Europa nach Brasilien, Argentinien und in die USA, doch die lassen die Kanaren und die Kapverden aus. So haben wir gleich den Flieger ab Sevilla gebucht – und zwar nach Gran Canaria. Mit dieser Insel haben wir nämlich noch eine Rechnung offen.

Also weiter. In Mazagón kommen wir dann endlich an die Stelle, wie der Río Tinto und der Odiel gemeinsam in den Atlantik fließen. Ein rostiger Panamax-Frachter kommt gerade von Huelva her und nimmt Kurs aufs offene Meer – wo er wohl hinfährt? Der Blick auf das weite Meer hat immer etwas Meditatives, lässt Träume wandern. Doch vor allem: Jetzt sind wir wirklich ganz vom Strohgäu bis an den Rand Europas geradelt:-)

Ein Stück geht es jetzt noch an der Küste entlang. Auf einfacher Strecke durch lichte Pinien- und Kiefernwälder erreichen wir gegen Mittag Matalascañas, einen Ferienort, wo wir uns einen Burger und ein Sandwich einverleiben; dazu gibt es Bier aus dem Plastikbecher. Was ganz Neues für unsere bisherigen Spanien-Erfahrungen. Tja, Ferienorte am Strand, Auswirkungen des Massentourismus. Auch wenn die Saison hier schon vorüber ist – Strecken durch das Landesinnere gefielen uns schon immer besser. Und jetzt steuern wir auf direktem Weg Sevilla an, wobei wir möglichst kleine Landsträßchen wählen. Bald sind wir wieder fast allein in den weiten, lichten Wäldern, die hier zu den Randgebieten des Nationalparks Doñana gehören, Spaniens größtem Feuchtgebiet. Später säumen kleine Fincas unseren Weg.

Am Nachmittag des nächsten Tages erreichen wir dann zielsicher wieder Camas, wo wir letzthin orientierungslos umhergeirrt sind. Doch dieses Mal finden wir tatsächlich die perfekte Zufahrt nach Sevilla, über die Puente de la Señorita und dann über die Puente Cristo de la Expiración. Die Giralda mit ihrer riesigen Wetterfahne ist schon aus weiter Ferne zu sehen und weist uns den Weg. Und auf dem Platz vor der berühmten Kathedrale können wir dann tatsächlich konstatieren: Hauptteil der Reise abgeschlossen, Sevilla erfolgreich erreicht:-)


"Sevilla ist eine Stadt, deren Einwohner sich vornehmlich um Flamenco, Stierkampf, Prozessionen, Fiestas und Tapas zu kümmern scheinen. Das Zentrum erinnert an Kulissen, wobei ein Platz schöner ist als der andere, mit farbenprächtigen Barock-Kirchen und Orangenbäumen. Verschwiegene geflieste Patios vermitteln Intimität, doch wird das Leben von Offenheit und Geselligkeit bestimmt." So lesen wir in unserem bewährten National-Geographic-Reiseführer – für uns ist die Stadt zunächst einmal ein Chaos aus verwinkelten Gassen, durch das sich Autos quetschen, die fast mit den Außenspiegeln an den Hauswänden streifen.

Mit unserem Stadtplan von der Tourist Info, der weder eingenordet noch maßstäblich ist, brauchen wir mehr als eine halbe Stunde, bis wir endlich unser Apartment in der kleinen Calle Morgado finden. Die ist höchstens einen Kilometer von der Giralda entfernt und wir waren schon zweimal an ihr vorbeigekommen, hatten sie aber für einen Patio-Eingang gehalten. Dann warten wir (trotz Anruf) nochmal eine gute halbe Stunde auf unsere Vermieterin, die irgendwann gemütlich um die Ecke geschlendert kommt. Im Treppenhaus gibt es kein Licht, das Internet ist schneckenlangsam – dafür ist gleich um die Ecke ein Carrefour Express, der sogar sonntags offen und ein sehr gutes Lebensmittel-Angebot hat. Das Wesentliche ist also vorhanden:-) So gibt es wider Erwarten noch ein gutes selbstgekochtes Abendessen nebst einer Flasche Rotwein namens "Don Hugo". Dann sitzen wir noch eine Ewigkeit auf unserem kleinen Balkon und schauen den Geckos zu, die im Schein der Straßenlampen Fliegen fangen.

Andalusisches Lebensgefühl – authentischer als in Sevilla kann man das wohl nirgends erfahren! Am nächsten Tag versuchen wir, zwei Radkartons für den Flug nach Gran Canaria aufzutreiben. Gar nicht so leicht ist es, im innerstädtischen Gassengewirr die meist recht kleinen Radläden aufzufinden und dann noch einen, der Kartons hat. Nach einer Radtour, die fast den ganzen Vormittag dauert, haben wir endlich einen größeren Karton gefunden und dazu zwei kleine, aus denen wir mittels Holzleim einen passenden basteln können. Anschließend machen wir eine rund fünf Kilometer lange Wanderung durch die ganze Stadt, um unsere Kartons einzusammeln und heimzutragen. Wenn wir so beladen durch die Gassen spazieren bricht hinter uns der ganze Verkehr zusammen, kein Auto kommt mehr vorbei. Doch nicht einer hupt – Gelassenheit und Freundlichkeit, das sind zwei ganz wesentliche Charaktereigenschaften der Andalusier (und überhaupt der meisten Spanier). Da könnte sich unsere Ellbogengesellschaft daheim mal eine Scheibe abschneiden.

Sevilla – diese Stadt muss man einfach mögen, zumindest auf den zweiten Blick. Am frühen Abend begeben wir uns auf eine erste Besichtigungs-Radtour zur Plaza de España. Und, was wir zunächst kaum geglaubt hätten (s. weiter oben): Das Bici ist tatsächlich das perfekte Verkehrsmittel für diese Stadt. Es gibt ein großes Netz guter, wenngleich schmaler Radwege, die sich großer Beliebtheit erfreuen, vor allem in der Innenstadt. Durchgestylte Spanierinnen auf Hollandrädern, der Señor mit Sakko und Krawatte auf seinem Schrott-MTB, Omis mit Einkaufskörben am Lenker, Sportler auf Carbonrennern, alle ziehen zügig ihre Bahn – wenn wir kurz anhalten, um in unserem unmöglichen Stadtplan nach dem richtigen Weg zu suchen, gibt es ein Tohuwabohu, doch keiner schimpft. Was wir denn suchen, fragen viele. Eine sehr angenehme Art, die Stadt und ihre Bewohner kennen zu lernen.


Das erste Must-See lernen wir dann an der Plaza de España kennen mit dem spanischen Pavillion der Iberoamerikanischen Ausstellung von 1929, der mit wunderschönen Kachelbildern verziert ist. Bunte Kachelmosaike, ein Vermächtnis der Mauren, gehören einfach zu Andalusien, und ganz besonders zu Sevilla.


Auch die Kathedrale müssen wir natürlich besichtigen mit ihrem prunkvollen Hochaltar, der mit zweieinhalb Tonnen Gold aus Peru und Mexiko überzogen ist. Außerdem ist Kolumbus hier bestattet, in einem Sarkophag, der von vier würdevollen Trägern geschultert wird. So schwebt der Entdecker quasi über der zum Schluss so ungeliebten spanischen Erde, in der er nicht ruhen wollte (stattdessen, so sein letzter Wunsch, in Santo Domingo). Wie neuere DNA-Analysen ergaben, ruht er hier aber eh nur zu 15% – ein großes Rätsel bis heute, ja fast ein Krimi.

Natürlich müssen wir auch die Giralda besteigen - sonst wäre ja unsere spanische Kirchturm-Sammlung nicht komplett:-) Und dann geht es hinüber zum Alcazar, dem maurischen Palast und bis heute Sevilla-Residenz des spanischen Königs. Er steht mit seinen verspielten Alabaster-Reliefs und prächtigen Kachelfriesen Granadas Alhambra in nichts nach, dazu die wunderbaren Gartenanlagen – wie schon an andrer Stelle erwähnt: Unmöglich, das alles in der Kurzform dieses Reiseberichts gebührend zu würdigen.


Auf jeden Fall: Sevilla ist eine Ausnahmestadt, der perfekte Endpunkt unserer Reise bis ganz zum Ende der spanischen Península. Doch etwas fehlt noch: Magellan! Wir fragen beim Tourist Office, wo der berühmte Seefahrer denn zu seiner legendären Weltumsegelung startete – das hat hier wohl noch niemand wissen wollen; wir werden prompt zur falschen Stelle geschickt. Schließlich finden wir dann die richtige an der Plaza de Cuba mit Hilfe von ein paar Anglern und einem ortskundigen Spaziergänger doch noch. Als Monument dient eine rostige, stilisierte Weltkugel mit einer schlichten und leicht übersehbaren Tafel. Etwas spärlich für so ein wichtiges Ereignis, finden wir.


Wir sind jetzt im Stadtviertel Triana auf der anderen Seite des Guadalquivir. Nahebei steht auch ein Denkmal für einen gewissen Rodrigo de Triana, der bei Kolumbus' erster Seefahrt derjenige war, der vom Mastkorb der Pinta aus als erster Land entdeckt hatte. "Tierra!" – sein Ausruf ist im Sockel des Denkmals eingegossen. Überhaupt sollen viele Seeleute der ersten Expeditionen und Eroberungsfahrten aus Triana gestammt haben.

Sevilla verdankt dem Guadalquivir viel – er ist bis hierher schiffbar, wurde so das Tor zum Ozean und zur Neuen Welt. Das brachte der Stadt enormen Reichtum ein; alles in Südamerika erbeutete Gold und Silber wurde hier angelandet, Sevillas Hafen hatte dann quasi ein Monopol für den Überseehandel und ist heute, wenn man so will, die "Urmutter" sämtlicher transatlantischen Beziehungen. Fast schon logisch ist es da, dass dann auch der Zeppelin zwischen 1929 und 1936 in Sevilla zwischenlandete - der letzte Stopp vor Recife/Brasilien. Der Landeplatz war draußen vor der Stadt, etwa dort, wo sich heute der internationale Flughafen San Pablo erstreckt.

Von ebendiesem Flughafen San Pablo hebt dann anderntags kurz nach Mittag unser Flieger ab zum zweistündigen Flug hinüber zu den Kanaren. Wie ein gewundenes silbernes Band sehen wir nochmal den Guadalquivir unter uns liegen, nahe seiner Mündung ist Cádiz auf seiner Landzunge zu erkennen, dann geht es über das Meer hinaus.

Vecindario / GC – La Matanza / TF (190 km*)

Bald schon wird dann wieder der Sinkflug eingeleitet, Fuerteventura gleitet vorbei, dann kommt unser Ziel in Sicht: Gran Canaria, eine wild zerklüftete, fahlbraune Landmasse, die bis knapp 2000 m hohen Berge ständig von Wolken umgeben, fast unwegsam im Landesinneren und dabei trotzdem die am dichtesten besiedelte aller Kanaren-Inseln. Und die mit dem ausuferndsten Pauschaltourismus. Drei Millionen Touristen jährlich, dabei nur 800.000 Einwohner.

Was hier wie eine Vorverurteilung klingt, ist natürlich zu kurz gesprungen. Gran Canaria ist eine ausgesprochen interessante Insel – aus vielen Gründen. Hier gibt es z.B. das Kolumbushaus in La Palma. Der Seefahrer war sieben Mal auf der Insel, die erst 1483 und damit nur neun Jahre vor seiner Entdeckungsreise ganz von den Spaniern erobert worden war. Wir waren bislang zweimal da – per Pauschalreise, ja, aber jedes Mal in erster Linie zum Radfahren. Denn auf keiner anderen kanarischen Insel trifft man so viele Radsportler an wie genau auf diesem schwierigen Vulkanfelsen. Siehe dazu beim TOUR-Magazin – sowas bringt wohl bei jedem begeisterten Bergradler eine Saite zum Klingen:-)

Daher auch unsere noch offene Rechnung: Den Pico de las Nieves, mit 1949 m höchster Berg der Insel und fast genau in ihrem Zentrum gelegen, haben wir damals nicht gepackt – für uns war er von Maspalomas aus immer zu weit weg und zu hoch droben. Deshalb sind wir hier. Das Ziel ist eine komplette Insel-Überquerung; drüben von Agaete geht dann die Fred-Olsen-Schnellfähre nach Teneriffa.

Die Planung dieser Tour-Etappe hat uns allerdings vor große Probleme gestellt. Im Inselinneren gibt es nämlich fast keine Quartiere, abgesehen von Ferienwohnungen mit drei Tagen Mindestaufenthalt, und dem Parador, der schon kurz vor dem Pico auf gut 1500 m liegt. Und rund 80 km vom Flughafen entfernt – das schaffen wir nicht mit unserem ganzen Gepäck. So bleibt nur ein Mietwagen-Backup. Wir haben also für fünf Tage einen Kombi gemietet, dazu ein Apartment für zwei Nächte in Vecindario, beim Flughafen gleich um die Ecke, und für die folgenden drei eins oben in Tejeda. So kann wenigstens ich die komplette Strecke per Pedales in Angriff nehmen. Und den Pico werden wir von Tejeda aus gemeinsam angehen.

Am nächsten Morgen bauen wir die Räder zusammen und starten zu einer kleinen Orientierungsrunde. Und zwar erst mal hinüber zum Flughafen – interessehalber. Der wird nämlich durch die Autobahn von allen Siedlungen getrennt. Echt ein Unding, so was gibt's noch nicht mal in New York – per Rad zum Flughafen oder von dort weg, das ist schlicht nicht vorgesehen auf der Kanaren-Insel mit den meisten Radfahrern. Erst über einen Beinahe-Feldweg und durch eine betonierte Bachbett-Unterführung (die wohl vom Flughafen-Personal als schattiger Parkplatz genutzt wird) schaffen wir es schließlich, unter der Autobahn hindurch auf das Flughafengelände zu kommen. Wehe dem Gepäckradler, der blauäugig vom Gran Canaria Airport zur Inselrunde starten will! Wer's probieren will darf uns gerne nach dem genauen Weg fragen:-) Dann radeln wir noch zur Strandpromenade in Playa de Arinaga auf ein Bierchen und einen Espresso. Denn Gran Canaria from Coast to Coast, das muss jetzt schon auch noch sein.

Interessant ist Gran Canaria auch wegen seiner Geografie und Natur – ein wahrer Kontinent im Kleinen. Wie auch Teneriffa hat die Insel eine kühle und feuchte Seite, weil der Nordostpassat Wolken heran treibt. Die regnen sich in höheren Lagen ab oder sorgen zumindest für Nebel, während der Inselsüden fast niederschlagsfrei und trocken ist und zeitweise sogar noch unter dem Einfluss heißer Sahara-Winde steht. So starten wir am nächsten Morgen quasi in der Halbwüste, wo Vegetation nur in Form von Kakteen und Wolfsmilchgewächsen existiert – oder durch Bewässerung, die etwa den Anbau der berühmten Kanaren-Bananen ermöglicht.

Zum Anstieg haben wir uns die GC 65 ausgesucht; sicher die angenehmste Strecke vom Steigungsverlauf her. Dort kurbeln wir bei schönstem Wetter und wolkenlosem Himmel gemächlich in den Flanken des Barranco de Tirajana bergauf – und zwar beide. Das Auto werden wir später holen.

Unsere Strecke lässt landschaftlich nichts zu wünschen übrig, das merken wir bald. Der wilde Barranco erlaubt nach jeder Kurve beeindruckende neue Ausblicke. Später passieren wir das hübsche Dorf Santa Lucía auf gut 600 m Höhe, eine ergiebige grüne Oase. Früher, vor "Ausbruch" des Massentourismus, waren diese Dörfer hier oben, wo es noch genügend Wasser gibt, die reichsten auf der ganzen Insel.

Und das sind sie bis heute geblieben, denn das wüstenhafte "Unland" drunten an der Küste, wo die ganzen Bettenburgen stehen, gehört bis dato zu den Gemeindegebieten von Santa Lucía und San Bartolomé. Das ist der nächste Ort, auf 900 m gelegen, Headquarter von Maspalomas und Playa del Ingles. Ein schmuckes Dörfchen, man kann sich's leisten.

In San Bartolomé machen wir gemütlich Mittag im Straßencafé. Dann rollen wir wieder nach Vecindario hinab – die nette Vermieterin Esther hat freundlicherweise unser Gepäck nach Räumung unseres Apartments bei sich eingelagert. Dann alles ins Auto, wieder hoch nach San Bartolomé. Dort packe ich mein Rad wieder aus und gehe den Rest bis Tejeda vollends im Sattel an. In den Bergen hängen jetzt dicke Wolken und es sind noch fast 25 anstrengende Kilometer, vor allem der Paso de la Herradura gleich am Anfang ist nicht von Pappe.

Später geht es dann noch bis auf fast 1500 m hinauf, aber ab dem Degollado del Aserrador reißt der Himmel auf, und bald sehe ich Tejeda in der Abendsonne an der gegenüberliegenden Talflanke liegen.

Tejeda gilt vielen als schönstes Dorf Gran Canarias – vor allem im Februar zu Zeiten der Mandelblüte ist das ganze Tal eine Augenweide. Tagsüber ist der kleine Ort von Touristen geradezu überschwemmt. Die kommen einerseits wegen der guten Wandermöglichkeiten hierher, aber hauptsächlich wegen der Dulcería Nublo. Der kleine Laden, unprätentiös wie eine Vorstadt-Bäckereifiliale, hat schlicht und einfach den besten Mandelkuchen der Welt und ein geniales Marzipan. Keine Frage, was es am nächsten Morgen zum Frühstück gibt:-)


In Tejeda wollten wir schon immer mal übernachten – als Pauschaltouristen konnten wir das nie. Nach Abzug der Tagestouristen ist das ein ruhiges und friedliches Dorf, sehr angenehm, und es wird noch ein richtig schöner Abend. Unser Apartment hat eine fantastische Terrasse, auf der wir einen beeindruckenden Sonnenuntergang erleben, mit Blick auf den altkanarischen Kultfelsen Roque Bentayga. Dann gehen wir vis à vis der Kirche eine riesige Pizza essen – die haben wir uns verdient! Später blicken wir von unserer Terrasse, dick eingemummt gegen die Kälte hier oben, bei viel heißem Tee noch eine Ewigkeit in den von Sternen übersäten Himmel hinaus.

Am nächsten Tag steht die langersehnte Gran-Canaria-Königsetappe an. Hoffentlich hält das Wetter! Zwar ist es sonnig, doch immer wieder bauen sich Wolkentürme auf. Das gibt tolle Fotomotive, und Fotopausen machen wir oft. Denn schon der erste Abschnitt (7 km) auf der GC 215 hinauf zum Cruz de Tejeda und zum Parador hat es in sich! Länger müssen wir bei über 12% Steigung alles geben und pfeifen aus dem letzten Loch. So langsam sind wir richtig froh über unser Mietwagen-FeWo-Arrangement – mit Gepäck wäre das absolut eine Schiebestrecke geworden! Ab 1400 Hm wird es dann glücklicherweise etwas flacher, doch als wir endlich oben sind ist es schon bald Mittag.


Jetzt sind wir in der Corona Forestal, einer (wie auch auf Teneriffa) beeindruckenden Vegetationszone. Die prächtigen Kanarenkiefern hier oben kämmen mit ihren langen, fast seidigen Nadeln das Wasser aus dem häufigen Nebel und sind so der Garant für die Wasserversorgung der Insel. Weiter geht es über eine Art Kammstraße; links sieht man nach Las Palmas hinunter, rechts ins Tal von Tejeda. Bald sind auch wir voll in der Nebelzone; manchmal reißt es noch kurz auf, dann hüllen uns wieder regelrechte Wolkenbänke ein und lassen den Wald fast gespenstisch erscheinen.

Dabei steigt die Straße ständig an. Nach einer Abzweigung, die wir fast verpasst hätten, geht es dann auf einer kurzen Stichstrecke vorbei an einem Militärgelände, und dann sind wir tatsächlich oben auf 1949 m, am höchsten Punkt von Gran Canaria. Ha, wir haben es gepackt! Da sind wir jetzt wirklich froh und stolz, auch wenn in den dicken Wolken hier oben nur eine Info-Tafel eine vage Ahnung davon vermittelt, was für einen tollen Blick man vom Gipfel-Mirador hat. An den seltenen nebelfreien Tagen.

Zurück geht es dann über die GC 600 nach Ayacata, wo wir uns in einer Bar einen Espresso und ein Bier schmecken lassen, dann bringt uns die schon von gestern bekannte GC 60 wieder nach Tejeda. Abends reißen die Wolken dann wieder ab und zu auf und es gibt nochmal einen beeindruckenden Sonnenuntergang. Nachts heult der Wind im Kamin – eine urwüchsige Stimmung, genau passend zu diesem wilden Gebirge hier. Dann schlafen wir tief und gut, den Schlaf der Gerechten.

Der Tag darauf ist total von Regen, Sturm und Wolken bestimmt – wir verlassen das Haus nur kurz zum Einkaufen und nachmittags zu einer Runde Power Walking, auf dass es uns warm werde. Kein Badetourist in der Dauersonne von Maspalomas kann sich auch nur annäherungsweise vorstellen, was manchmal nur wenige Kilometer von seinem Ferienort für extremes Wetter herrscht! Gestern waren wir auf dem Pico noch ein wenig enttäuscht über die fehlende Sicht – heute wird uns eindrucksvoll klar, was wir mit unserem nebligen, aber trockenen Trip trotz allem für ein Glück hatten. Fast wie eine Seilschaft, die vom Basislager aus den einzigen möglichen Tag erwischt hat, um zum Cerro Torre vorzudringen:-)

Dann auf zum Endspurt! Am Morgen nach unserer letzten Tejeda-Nacht schaut wenigstens ein bisschen blauer Himmel heraus, doch immer wieder gibt es Nieselschauer. Wir packen schnell alles ins Auto, dann lade ich mein Rad am Cruz de Tejeda wieder aus und gehe den Rest der Inselquerung hinab nach Agaete an. Doch geht es durchaus nicht immer hinab – manchmal sind ein paar ganz ordentliche Gegenanstiege dabei, dazu fahre ich auf den ersten 15 km durch eine feuchtkalte Waschküche, die das Kondenswasser auf dem Trikot lange nicht verdunsten lässt. Die Landschaft hier gleicht fast einem Märchenwald, und eine ähnlich gespenstische Stimmung wie vorgestern am Pico entfaltet sich.

Weiter unten wird es dann wärmer und auch trockener. Auf meist sehr holprigem Straßenbelag dauert es dann doch bis zum Nachmittag, bis wir endlich in Puerto de las Nieves einlaufen, dem kleinen Fährhafen von Agaete. Gerade kommt auch die Schnellfähre von Fred Olsen an – ein imposantes Bild, während Brecher an die Kaimauer donnern.


Wir beziehen zum letzten Mal auf dieser Tour ein Hotelzimmer, ein recht nettes noch dazu, dann geben wir am Hafen den Mietwagen zurück und kaufen ein Fährticket für morgen, 8.30 Uhr. Und den Tag beschließen wir dann in einem netten Restaurant direkt am Kai mit einem sehr gutes Fischessen. "Klinggg" machen die Gläser mit dem hervorragenden trockenen Weißwein aus Lanzarote ("La Gería", da waren wir auch schon.), und jetzt können wir erfreut konstatieren: Mission Gran Canaria completed:-)

Die Spätfähre von Teneriffa läuft ein und wir schauen zu, wie die Laster und Pkw von Bord gehen. Und beim anschließenden kleinen, windigen Spaziergang auf der Uferpromenade sind wir uns einig – Gran Canaria, diese oft verkannte Insel, ist für uns unbedingt die zweitschönste der Kanaren, gleich hinter Teneriffa. Ob wir es je mal wieder hierher schaffen?

Am nächsten Morgen geht es früh raus, schnelles Frühstück, dann wird zum letzten Mal alles eingepackt. Bei der Fahrt zum Hafen sehen wir gerade die Fähre einlaufen; passt also ganz genau. Wir dürfen als eine der ersten an Bord, für die Räder gibt es sogar Ständer, doch wir binden sie lieber noch zusätzlich mit dem Kabelschloss an einem Pfeiler an. Dann suchen wir uns oben einen bequemen Platz im Salon. Und schon bald legt Fred Olsen wieder ab – ist wirklich eine Schnellfähre! Kaum haben wir das kleine Hafenbecken verlassen, donnern wir los wie eine Rakete. Auf jeden Fall so, dass man auf dem Heck-Balkon des Schiffs kaum stehen kann und eingesaut wird, als wäre man in eine Autowaschanlage geraten. Der arme Qualmer, der auch noch dort draußen steht, gibt bald auf, nachdem auch seine zweite Kippe tropfnass nach unten hängt. Ich mache wenigstens schnell ein paar Fotos; dann muss ich das Objektiv mit dem Mikrofasertuch polieren.

Nach gut 80 Minuten sind wir in Santa Cruz und betreten den Boden von Teneriffa. Wir machen uns mit der Autoschlange auf den Weg aus dem Hafengelände hinaus. Jetzt können wir wirklich behaupten, jeden lumpigen Meter von daheim bis Teneriffa geradelt zu sein:-) Und so haben jetzt wir auch keinerlei Problem damit, für den steilen und verkehrsreichen 500-m-Anstieg nach San Cristóbal de la Laguna die Straßenbahn zu nehmen, die freundlicherweise Fahrräder kostenlos mitnimmt. Hier sind wir eh schon bald jeden Meter abgeradelt!


In der früheren Hauptstadt von Teneriffa gibt es dann ein ausgiebiges Vesper in der Fußgängerzone, fast genau gegenüber von dem gemütlichen alten Hotel, wo wir auf unserer Teneriffa-Runde vor sechs Jahren zwei Tage gewohnt haben. Es ist einfach immer wieder schön hier in der sympathischen, altehrwürdigen Universitätsstadt.

Auf oft geradelter Straße parallel zur Autobahn geht es dann durch Tacoronte und El Sauzal zu unserem Domizil, das nur noch knapp 20 km entfernt ist. Der Blick von der TF 172 auf die wilde Küste ist wie immer eine Augenweide; wir müssen glatt eine Panorama-Pause einlegen.

Bei der steilen Abfahrt zum Haus werden dann die Bremsen noch einmal kräftig beansprucht, doch bald rollen wir zufrieden drunten auf dem Parkplatz aus. Der Gärtner Stefan macht das Ankunftsfoto, dann bringt uns der Aufzug samt Rädern und Gepäck hinauf in unsere eigenen vier Wände.


Dieses hübsche Apartment gehört seit Anfang des Jahres uns:-) Gemäß unserer schmalen pekuniären Möglichkeiten ist es recht klein und auch ein paar Jährchen alt, doch mit traumhaftem Blick auf Puerto de la Cruz, den Vulkankegel des Teide und hinaus auf den weiten, wilden Atlantik, wo an klaren Tagen die Insel La Palma am Horizont zu erkennen ist. Jetzt heißt es, die veraltete Elektrik zu sanieren, den Pinsel zu schwingen, ein paar neue Möbel anzuschaffen – wir sind damit wohl bis dato die einzigen, die vom Strohgäu ganz bis nach Teneriffa zum Renovieren geradelt sind. Und das dauert, denn auch das Radfahren und Wandern darf natürlich nicht zu kurz kommen – alles braucht seine Zeit.


Oft sitzen wir auch einfach draußen auf dem Balkon und blicken hinaus auf den Ozean. Manchmal liegt er da wie ein Spiegel, dabei tiefblau und unergründlich, doch oft ist er aufgewühlt, trägt Schaumkronen und riesige Brecher donnern gegen die Steilküste. Jeder namhafte Entdecker und Amerika-Fahrer hat einst hier auf Teneriffa Station gemacht. Von Christoph Kolumbus ist allerdings nur ein Kurzaufenthalt am 9. August 1492 überliefert – er notierte im Logbuch einen Teide-Ausbruch und segelte dann weiter nach Gomera. Dort ist heute noch der Brunnen zu sehen, wo er Wasser für seine weitere Reise aufnahm.

Kolumbus blieb einen Monat auf Gomera, um das Großsegel der Niña gegen ein bauchiges, quadratisches Rahsegel austauschen zu lassen, das für achterliche Winde besser geeignet war. Das Passat-Windsystem, obwohl erstmals im 18. Jh. beschrieben, scheint er also bereits gekannt zu haben. Magellan hingegen ließ bei seiner Weltumsegelung am 26. September 1519 auf Teneriffa neue Vorräte bunkern. Doch der berühmteste Besucher war sicher Alexander von Humboldt, der auf seiner bis heute hoch geachteten 5-jährigen Amerika-Expedition 1799 eine Woche auf Teneriffa verbrachte.


(Urheber Karte: klick)

Dabei bestieg er mit seinem Begleiter Bonpland den Teide. Die beiden registrierten die Vegetationszonen, übernachteten in einer Höhle unterhalb des Gipfels und untersuchten tags darauf den Krater des Vulkans. Und oberhalb von La Orotava gibt es bis heute den Mirador "Humboldtblick".

Nach seiner Rückkehr ließ der preußische Baron, Forscher und Privatgelehrte dann verlauten: "Ich habe im heißen Erdgürtel Landschaften gesehen, wo die Natur großartiger ist, reicher in der Entwicklung organischer Formen. Aber nachdem ich die Ufer des Orinoko, die Kordilleren von Peru und die schönen Täler Mexikos durchwandert, muss ich gestehen, nirgends ein so mannigfaches, so anziehendes, durch die Verteilung von Grün und Felsmassen so harmonisches Gemälde vor mir gehabt zu haben..."

Tja, da ist was dran. Doch wenn wir so auf unserem Balkon in den Sonnenuntergang träumen, meinen wir manchmal fast, eine der historischen Karavellen vorbeisegeln zu sehen, hinaus in die Unendlichkeit, gen Amerika. Oder den Zeppelin, wie er stolz und schön vorüberzieht. Und wir nehmen uns fest vor, den Rest auch mal irgendwann zu packen: Kapverden, Recife (dort soll noch der letzte erhaltene Zeppelin-Ankermast zu sehen sein), dann weiter die brasilianische Küste hinab gen Rio, oder doch lieber wie Kolumbus und Humboldt in Richtung Antillen? Wer weiß, die Welt ist groß, schön – und weit.

Hasta luego, Sybille & Thomas

*Alle km-Angaben sind aus Karten und dem Internet ermittelt, überschlagen und bereinigt. Ausgewiesen ist unsere direkte Strecke, d.h. Stadtrundfahrten, Vercors-Runde und andere Teilstrecken ohne Gepäck wurden abgezogen. Die Google Map unten zeigt unsere Route näherungsweise und basiert nicht auf selbst ermittelten GPS-Daten, also ohne Gewähr! Bei der Ankunft auf Teneriffa hatten wir real 3560 km auf dem Tacho. Reisedauer: Acht Wochen von Mitte August bis Anfang Oktober 2016.


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