Im gemütlichen
Städtchen Raymond (Zentrum der Holzindustrie, was
sonst?) überqueren wir den Willapa River, der in die
Willapa Bay und damit in
den Pazific mündet. Nach soviel Hinterwald-Einlage
freuen wir uns wieder auf
das Meer; schließlich machen wir eine Küstentour. Die
US 101 verläuft fast
eben am südlichen Ufer des Flusses entlang, der sich
unmerklich zur Bay wei-
tet.
Der nächste Ort kündigt sich an, South Bend. Kleinere
Fabrikgebäude säu-
men die Straße, dazwischen riesige grauweiße Haufen.
Gibt es hier eine Sali-
ne? Das wäre schwer vorstellbar, denn so hoch wird die
Verdunstung im re-
genfeuchten Klima hier ober schwerlich sein. Was jedoch
von weitem wie
Salzberge aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen
als Unmengen leerer
Austernschalen. "Austern-Hauptstadt der Welt"
nennt sich die kleine Stadt, die
auch ein paar nette historische Gebäude aufweist.
Angesichts solcher Schalen-
berge erscheint das durchaus plausibel.
Austern kennen wir eigentlich nur als teuere, stückweise
servierte Delikates-
se, roh mit Zitronensaft. In Amerika jedoch isst man sie
auch gekocht, in der
Suppe oder fritiert. In den Fabriken hier werden sie
vorgekocht oder in Öl ein-
gelegt und dann in Dosen verpackt. Dies verraten uns zwei
gemütliche Stra-
ßenarbeiter, die gerade mittels einer Spritzpistole und
einer hölzernen Scha-
blone den Zebrastreifen über die Main Street neu
colorieren. Draußen in der
Bay sind die künstlichen Austernbänke, die man immer
dort anlegen kann, wo
ein starker Gezeitenstrom existiert. Dazu werden leere
Austernschalen an Net-
zen befestigt, die im Flachwasser aufgespannt werden. In
den Schalen siedeln
sich Austernlarven an, die innerhalb von vier bis fünf
Jahren zu neuen Austern
heranwachsen. Kleingehäckselte Schalen verwendet man
auch im Straßenbau
oder als Zusatz zu Düngemitteln, eben dort, wo
kalkhaltiges Material erwünscht
ist. Das Geschäft mit den Dosenaustern scheint jedoch
besser zu laufen als
das mit den Schalen, die wirklich gewaltige Halden
füllen.
Eine ganze Reihe gut aussehender Seafood-Restaurants gibt
es in South
Bend, einige Betriebe kann man auch besichtigen (free
sample for your conve-
nience). Wir aber treten in die Pedale, denn nach gut 30
Kilometern, so ver-
heißt die Karte, kommt der Ort Nemah. Dort soll es ein
beliebtes Café geben,
dessen Besitzerin ein interessantes Biker-Gästebuch
führt. Das Café finden wir
tatsächlich, ein hellblaues Holzhäuschen rechts der
Straße, aber es ist leider
verrammelt und aufgegeben. Und über den Verbleib der
Inhaberin kann uns
niemand Auskunft geben, denn der ganze Ort Nemah besteht
exakt aus die-
sem einen Haus. Jetzt ist Nemah also eine Geisterstadt.
Unglaublich, was in
den amerikanischen Straßenkarten alles als Ort fungiert!
Man tut gut daran,
seine Verpflegungsstops genau zu planen, zwischen South
Bend und Seaview
zum Beispiel gibt es auf 70 Kilometern absolut garnichts
(abgesehen von ei-
nem kleinen Laden in Bay Center, 4 Kilometer abseits der
Route). Wir speisen
deshalb heute auf der Leitplanke, und zwar unseren
Emergency Lunch, beste-
hend aus angeschmolzenen Schokoladenkeksen und einem
Schluck lauwar-
mem Wasser. Mahlzeit!
24
|